Weltwirtschaft

Die China-Illusion

China gilt längst als ökonomische Supermacht. Der jüngste EU-Beschluss, Solarmodule aus dem Land der China - Wachstum mit Widersprüchen Mitte mit Strafzöllen zu belegen und die forcierten Bemühungen Deutschlands im Rahmen der neuen Rohstoffstrategie der Bundesregierung mit Peking in Sachen Ressourcensicherung zu wetteifern, zeigen, dass die westlichen Industrienationen den fernöstlichen Konkurrenten auf dem Weltmarkt sehr ernst nehmen – als Handelspartner wie als Gegner im Kampf um die Märkte. Doch wie funktioniert das chinesische Wachstums- und Akkumulationsmodell? Und welche immanenten Grenzen hat es?

Eine Analyse von NICOLAI HAGEDORN, 5. Juni 2013 –

Während Europa und die USA in Schulden versinken, hofft das Kapital weltweit auf China. Die Wirtschaft des Landes wächst immer noch mit beachtlichen Raten. Aber wie überall unter kapitalistischen Bedingungen gilt auch hier: Wo ein Goldrausch ist, ist die Katastrophe nicht weit.

Dr. Till Reuter ist CEO der Firma Kuka aus Augsburg, dem weltweit drittgrößten Hersteller von Industrierobotern und er weiß, wo der Markt der Zukunft liegt: „China wird – getrieben durch einen steigenden Qualitätsanspruch und steigende Lohnkosten – immer wichtiger für die Roboterindustrie und wird kurzfristig der größte Robotermarkt der Welt werden.“ Und da will er natürlich mitmischen: „Der Robotereinsatz in der General Industry setzt sich hierbei sowohl in der Breite als auch Tiefe fort. Wenn ich von Breite spreche, meine ich sowohl, dass wir auf dem internationalen Parkett weiter wachsen, aber auch, dass unsere Produkte in immer neuen Branchen Anwendung finden.“

Der anhaltende Siegeszug der Industrierobotik sorgt für weitere Produktivitätssteigerungen „in immer neuen Branchen“ und damit für weitere Verschiebungen im Verhältnis der Produktionsfaktoren. Konstantes Kapital (Maschinen, Roboter) gewinnt gegenüber variablem Kapital (menschliche Arbeitskraft) weiter an Bedeutung und auch wer nicht einsehen will, warum ausschließlich menschliches Tun Wert und Mehrwert erzeugen kann, wird verstehen, dass die Roboter die vielen Waren, die sie produzieren, kaum selbst konsumieren werden.

Was Reuter im November 2011 im zitierten Interview mit der Fachzeitschrift Automobil Produktion ahnte, wurde 2012 Gewissheit: Sein Unternehmen schaffte eine Gewinnsteigerung von gut 50 Prozent auf knapp 110 Millionen Euro, während der Umsatz um 21 Prozent auf 1,7 Milliarden Euro gesteigert werden konnte. Tatsächlich stieg die Nachfrage aus China. n-tv berichtete Anfang 2013, dass „Abnehmer in China immer mehr Roboter und automatisierte Fertigungsstraßen bei Kuka“ bestellten.

Die Erfolgsgeschichte des Augsburger Unternehmens zeigt vor allem eines: Auch in China werden Menschen zunehmend durch Maschinen ersetzt. Die sind billiger. Noch im Jahr 2012 erhielt ein voll beschäftigter Industriearbeiter in China durchschnittlich umgerechnet 400 bis 600 Euro netto im Monat, Tendenz steigend. Diese enorm „hohen“ Gehälter führen indes zu Konsequenzen.

Zum einen zieht es die arbeitsintensiven und damit auch besonders wertproduktiven Unternehmen in noch niedrigere Niedriglohnländer, andererseits soll die teure menschliche Arbeitskraft durch langfristig günstigere Roboter ersetzt werden: „Bis 2015 will Foxconn eine Million Roboter im Einsatz haben und dafür rund eine Milliarde Euro investieren“, berichtete die Welt Ende September.

Wenn trotz sinkender Wertmasse, also der Verdrängung menschlicher Arbeitskraft aus dem Produktionsprozess, Wachstum erhalten bleiben soll, kennt die kapitalistische Logik nur noch eine Lösung: Schulden machen.

Dieses Vorgehen hat in den kapitalistischen Zentren gut funktioniert, allerdings mit dem unangenehmen Effekt, dass mittlerweile sowohl Staats- als auch Privatverschuldung Ausmaße angenommen haben, die eine Rückzahlung für alle Zeiten unmöglich machen. Der traditionelle Kapitalismus musste seine Akkumulationsbewegung weitgehend in die so genannte Finanzsphäre verlagern und diese mit billigem Geld fluten, um reale Wertproduktion zumindest noch simulieren zu können. Als Folge kämpft man nun mit Spekulationsblasen und drohenden Staatspleiten. Die Schuldenberge wachsen freilich ungerührt weiter.

Das chinesische Wirtschaftswunder hingegen war im Grunde von vornherein eine Fiktion. In Wahrheit basierte das Wachstum Chinas seit Ende der 70er Jahre, als die kommunistische Führung in Peking erste Sonderwirtschaftszonen einführte, auf wachsenden Schulden.

Kurz gesagt ereignete sich folgendes: Im Zuge der Öffnung der Wirtschaft wurde der vergleichsweise niedrige Lebensstandard der dortigen Bevölkerung zu einem gefunden Fressen für das Kapital. Löhne und Gehälter dort waren so niedrig, dass die chinesischen Arbeiter zumindest in den arbeitsintensiven Produktionssektoren mit der zunehmend entmenschlichten Produktion in den kapitalistischen Zentren mithalten konnten. Die Unternehmer produzierten billig in China und verkauften teuer in Europa und in den USA.

So floss ausländisches Kapital massenweise in die chinesische Volkswirtschaft, während die dort hergestellten Produkte zu einem großen Teil wieder in die kapitalistischen Zentren versendet wurden, wo wiederum das Investitionskapital herkam. Letzteres war aber ebenfalls bereits geliehenes, fiktives. Die Produktion wurde also durch fiktives Kapital aus dem Ausland finanziert, damit Waren hergestellt werden können, die dann von geliehenem Geld gekauft wurden – eine Defizitkonjunktur aus dem Lehrbuch. Das zweite Standbein der chinesischen BIP-Steigerung neben Investitionen sind Konjunkturprogramme der Regierung. Diese werden und wurden zum großen Teil auf Pump finanziert. Das von der Regierung kontrollierte Bankensystem hat seine Bilanzsumme mittlerweile auf 127 Prozent des Bruttoinlandproduktes aufgebläht. Allerdings ist darin ein Großteil der Kredite gar nicht enthalten, wie das Handelsblatt am 31. Januar erklärte: „Weil viele Privatunternehmer von den Banken keinen Kredit bekommen, leihen sie sich zu horrenden Zinsen Geld von offiziell nicht genehmigten Schattenbanken.“

Gut keynesianisch besteht für China bei einer Inflationsrate von zwei Prozent und einer Sparquote von über 50 Prozent „Aufschuldungspotenzial“ ohne Ende, was die chinesische Führung zu weiteren Liberalisierungen und vor allem einer Deregulierung des chinesischen Finanzsektors ermutigen dürfte. Damit steht China vor dem Eintritt in den Club der vom Finanzmarkt Abhängigen. Während der Kapitalismus in Europa und den USA 250 Jahre hinter sich bringen konnte, bevor die Produktivitätssteigerung nicht mehr durch Expansion kompensiert werden konnte, hat China diese Entwicklung in einer atemberaubenden Geschwindigkeit nachvollzogen.

Die chinesische Regierung ist gezwungen, die wirtschaftlichen Wachstumsraten über sieben Prozent zu halten, da viele Industriezweige, die den boomenden Binnenmarkt bedienen, durch Schattenbanken finanziert sind. „Teilweise verlangen sie Zinsen von bis zu 90 Prozent im Jahr“, berichtete die Welt. Was in China passiert, wenn die Wachstumsraten die Verschuldungsraten nicht mehr tragen können, zeigte sich im Herbst 2011 in Wenzhou.

Die Wachstumsrate fiel unter neun Prozent und einige Unternehmen gerieten in Zahlungsschwierigkeiten. Als die Schattenbanker nervös wurden, setzten sie offenbar ihre Geldeintreiber auf die betroffenen Bosse an, was diese veranlasste, das Weite zu suchen. Berühmt wurde der Fall des Brillenfabrikanten Hu Fulin, der im September 2011 in die USA floh. Er hatte laut China Internet Information Center (CIIC) zwei Milliarden Yuan (rund 250 Mio. Euro) an Schulden angehäuft. „Besonders schlimm ist, dass er Kredite zu Wucherzinsen aufgenommen hat und jeden Monat 20 Millionen Yuan Wucherzinsen zahlen muss.“ Wie das CIIC damals weiter berichtete, war er nicht der einzige: „Am 22. September haben neun weitere Unternehmer heimlich ihre Firmen verlassen.“

Das Kapital für derartige Kreditfinanzierung der chinesischen Schattenbanken speist sich übrigens zu einem großen Teil aus den Ersparnissen der Chinesen. „Die einzelnen Familien verleihen ihre Geldmittel an Vermittler, welche diese Mittel an private Finanzinstitute weitergeben. 89 Prozent der Familien und 59 Prozent der Unternehmen in Wenzhou haben sich an dem Spiel beteiligt und das Geldvolumen beträgt rund 110 Milliarden Yuan, wie ein Bericht der Filiale der People‘s Bank of China in Wenzhou zeigt.“ (CIIC)

Was Marx als „prozessierenden Widerspruch“ bezeichnet, nämlich die Tatsache, dass das Kapital „die Arbeitszeit auf ein Minimum zu reduzieren sucht, während es andererseits die Arbeitszeit als einziges Maß und Quelle des Reichtums setzt“, wird gesamtkapitalistisch zu einem unüberwindlichen Problem. Marx meint hier nicht die Arbeitszeit des Einzelnen, sondern den Einsatz menschlicher Arbeit überhaupt. Dieser ist aber die einzige Quelle des Mehrwerts, um den alle Marktteilnehmer unablässig konkurrieren. Im Zuge der digitalen Revolution wurde der tendenzielle Profitratenfall von einem absoluten Fall der Profitmasse abgelöst. Diesen Zusammenhang hat nun sogar das fortschrittsgläubige Massachusetts Institute Of Technology (MIT) festgestellt. In einer Studie gelangen die MIT-Ökonomen McAfee und Brynjolfsson zu dem Ergebnis, „die digitale Revolution vernichte Jobs schneller, als sie neue schaffe“, wie Thomas Schulz im Spiegel die Ergebnisse zusammenfasst. Im gleichen Artikel prophezeit der Wirtschaftsnobelpreisträger Gary Becker: „Die Folge ist explodierende Arbeitslosigkeit, die wiederum zu sinkenden Einkommen, fallender Produktion und noch schwächerer Nachfrage nach Arbeitskräften führt“. Was die Honoratioren hier beschreiben, ist nichts anderes als das Phänomen einer dauerhaft fallenden Mehrwertmasse. Diese bedeutet aber das logische Ende der Akkumulationsbewegung insgesamt. Wachsen und Schrumpfen gleichzeitig ist schlechterdings nicht möglich.

Bei der Verschiebung der arbeitsintensiven Produktion nach China ist dort selbstverständlich ein bis heute wachsender Binnenmarkt entstanden, der zunehmend zu den chinesischen BIP-Wachstumsraten beiträgt. Die Einkommen der Chinesen speisen sich allerdings zu einem großen Teil aus fiktivem Kapital, ob nun in Form von Investitionen ausländischer Unternehmen, die seit den siebziger Jahren nur noch Schulden getrieben wachsen und investieren konnten, als Einnahmen aus dem Export, der größtenteils in die überschuldeten kapitalistischen Zentren geht, oder durch Investitionsprogramme der chinesischen Regierung.

Die Akkumulationskrise innerhalb der Waren produzierenden Wirtschaft betrifft also auch die so genannten Schwellenländer. Diese übernehmen nur die arbeitsintensive Wertproduktion aus den kapitalistischen Kernländern. Gewonnen ist dadurch nichts. Die Verlagerung der Arbeit nach China spiegelt sich in Europa und den USA in Entwertungskrisen, steigenden Arbeitslosenzahlen und Schuldengebirgen. China selbst profitiert davon genau so lange bis der Kostendruck die Unternehmer zur Auslagerung arbeitsintensiver Produktion nach z.B. Bangladesh zwingt.

Was bleibt, ist die Flucht in Verschuldung. Die chinesischen Unternehmen waren bereits 2011 mit 108 Prozent des BIP verschuldet und der chinesische Wirtschaftsprüfer Zhang Ke erklärte am 16. April der Financial Times, die kommunale Verschuldung in China sei „out of control“. Die Ratingagentur Fitch senkte Anfang April Chinas Note für „Bonität in Landeswährung“ von AA- auf A+.

Dr. Till Reuter und seine Firma Kuka dürfte das alles kaum stören. Das Ersetzen von Arbeitskraft ist ja gerade sein Geschäft und je größer die Menge an fiktivem Kapital wird, die es möglich macht, durch dessen Anwendung Vorauskosten zu finanzieren, desto mehr wird der sich selbst strangulierende Kapitalismus in seiner späten Phase zu Reuters potentem Kunden.

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