Weltwirtschaft

Keine Alarmstimmung im Reich der Mitte

Schwächelnde Weltkonjunktur beeinträchtigt Chinas Wirtschaftswachstum –

Von REDAKTION, 15. Juli 2013 –

Der Motor der Weltkonjunktur gerät ins Stottern: Chinas Wirtschaftsleistung hat im zweiten Quartal 2013 nur noch um 7,5 Prozent zugelegt, wie das Statistikamt am Montag in Peking berichtete.

Es lag damit gerade noch auf dem Jahresziel der Regierung, das in den vergangenen Jahren aber immer sehr vorsichtig gesetzt und meist deutlich übertroffen worden war. Das Ziel von 7,5 Prozent im Jahr hört sich für europäische Ohren mächtig an. Für die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde wäre es jedoch die schwächste Entwicklung in mehr als zwanzig Jahren. In neun der vergangenen zehn Quartale hat sich Chinas Wachstum verlangsamt.

Dennoch herrscht keine Alarmstimmung in den Machtetagen der Volksrepublik. Ein Rückgang nach Jahrzehnten mit Wachstumsraten um zehn Prozent sei normal, sagte Wirtschaftsprofessor He Xiaoyu von der Zentralen Hochschule für Wirtschaft und Finanzen in Peking gegenüber dpa.

„Wichtige ökonomische Indikatoren bleiben innerhalb der erwarteten Grenzen, aber das wirtschaftliche Umfeld bleibt komplex“, erklärte Statistikamt-Sprecher Sheng Laiyun. Der Rückgang sei eine normale Entwicklung, und China stehe unter dem Druck der schwächelnden Weltkonjunktur.

Im Juni waren die Exporte überraschend eingebrochen. Auf 3,1 Prozent bezifferte die Zollverwaltung den Rückgang im Vergleich zum Vorjahresmonat. Experten hatten im Juni eigentlich einen Exportzuwachs von drei bis vier Prozent erwartet.

Trotz der schwächsten Konjunkturdaten seit zwanzig Jahren ließen sich auf dem internationalen Handelsparkett keine negativen Auswirkungen registrieren. Im Gegenteil gingen die wichtigsten Indizes an den asiatischen Aktienmärkten leicht nach oben, am stärksten in China selbst. Viele Analysten hatten mit einer Abschwächung des Wachstums gerechnet.

Auch der Dax nahm am Montag die Wirtschaftsdaten aus dem Reich der Mitte positiv auf und konnte an seine starke Entwicklung der vergangenen Woche anknüpfen.

„Obwohl die Wirtschaftsleistung mit 7,5 Prozent im Jahresvergleich noch einmal langsamer zulegte als im Vorquartal, kam die Meldung aus Peking schon fast einer Beruhigungspille gleich“, hieß es seitens der NordLB. Zuvor hatte es Spekulationen gegeben, dass es schlecht um die chinesische Konjunktur bestellt sei und die Regierung plane, das Wachstumsziel für das laufende Jahr zu senken.

Als „Traumergebnis auf der internationalen Bühne“ bewertete Ostasienwissenschaftler Thomas Heberer die Zahlen. Grundsätzlich sei ein Wachstum zwischen fünf und sechs Prozent notwendig, um Arbeitsplätze zu schaffen und Einnahmen für den Staat zu generieren. „Unter diese Grenze zu fallen, davon ist China noch weit entfernt“, sagte Heberer im Deutschlandradio Kultur.

Die Losung lautet: Mehr Eigenverbrauch

Schon vor Jahren hatten Chinas Staatslenker mehr Klasse statt Masse als Slogan für die Wirtschaftsentwicklung ausgegeben. Statistikamt-Sprecher Sheng Laiyun machte bei der Präsentation der aktuellen Konjunkturzahlen deutlich: „Die neue Regierung konzentriert sich seit diesem Jahr besonders auf die Strukturreform. Dabei geht es darum, das Wachstum zu stabilisieren, die Struktur anzupassen und Reformen voranzutreiben.“

China will weg von der Abhängigkeit vom Export und angesichts steigender Löhne die Binnennachfrage ankurbeln. Dazu will das Land auf lange Sicht nicht mehr Werkbank der Welt sein, sondern stattdessen die eigenen Dienstleistungsbranchen ausbauen.

Die Binnenkonjunktur trägt immer stärker zum allgemeinen Wachstum bei. So stiegen die Umsätze im Einzelhandel im Juni im Jahresvergleich um 13,3 Prozent, im Mai waren es 12,9 Prozent. Allerdings beruht der höhere Umsatz zum Teil auf gestiegenen Verbraucherpreisen.

Mit einem Zuwachs von 2,7 Prozent stieg die Inflation im vergangenen Monat schneller als erwartet. Besonders Nahrungsmittelpreise verteuerten sich. Sie legten im Juni um 4,9 Prozent zu, während frisches Gemüse sogar knapp zehn Prozent teurer geworden ist.

Unter dem Preisanstieg leiden somit vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten, was zu einer Verschärfung der ohnedies immensen sozialen Spannungen beiträgt.

Volkswirtschaftlich betrachtet mildert die Stärkung des Binnensektors zwar die Abhängigkeit von den Weltmärkten. Doch auch dieser Sektor ist krisenanfällig, da er indirekt zu einem maßgeblichen Teil schuldenfinanziert ist: „Die Einkommen der Chinesen speisen sich (…) zu einem großen Teil aus fiktivem Kapital, ob nun in Form von Investitionen ausländischer Unternehmen, die seit den siebziger Jahren nur noch Schulden getrieben wachsen und investieren konnten, als Einnahmen aus dem Export, der größtenteils in die überschuldeten kapitalistischen Zentren geht, oder durch Investitionsprogramme der chinesischen Regierung.“ (1)

Trotz Schwäche keine Konjunkturprogramme

In der Vergangenheit reagierte Chinas Führung fast reflexartig auf ein schwächelndes Wachstum mit milliardenschweren Konjunkturspritzen. Doch gegenwärtig geht sie einen anderen Weg. „Derzeit setzt die Regierung keine Konjunkturprogramme ein“, sagt Wirtschaftsprofessor He Xiaoyu von der Zentralen Hochschule für Wirtschaft und Finanzen in Peking.

Nach Einschätzung von Analysten der Commerzbank würde die Pekinger Führung sogar noch Werte unter 7,0 Prozent tolerieren, bevor sie wieder Milliardenprogramme locker macht: „Nach unserer Ansicht liegt das untere Limit für das Jahreswachstum bei 6,3 Prozent.“

In einer jüngst veröffentlichten Analyse kritisiert die Landesbank Baden-Württemberg die Entscheidung Pekings, die Märkte nicht mit billigem Geld zu fluten: „Die wirtschaftspolitischen Akteure haben auf die Anzeichen einer Wachstumsabschwächung nicht mit Gegenmaßnahmen reagiert.“ Ganz im Gegenteil habe die Zentralbank dem Geldmarkt sogar noch Liquidität entzogen, so die Landesbank.

Die chinesische Führung will aber die Immobilienblase nicht noch weiter mit Konjunkturprogrammen anheizen. Stattdessen wird sie weiter versuchen, die Überkapazitäten und die ausufernde Kreditausweitung in den Griff zu bekommen. Staatliche Konjunkturprogramme sind außerdem mit einer stärkeren Abhängigkeit von den Finanzmärkten verbunden, von denen der Staat sich Kredite leiht. Zudem befördern solche Maßnahmen die Inflation.

Die Politik massiver staatlicher Förderprogramme – etwa für den Ausbau von Straßen, Eisenbahnen und Flughäfen – stößt ohnehin an ihre Grenzen. Moderne Geisterstädte sind ein Beleg für die Schranken künstlich generierten Wachstums. „Überall in China stehen ganze Gebirgszüge aus Wohnhäusern leer. Leerverkäufer Jim Chanos nennt sie die ‚Blase aller Blasen‘. Er und andere Skeptiker lieben es, von Geisterstädten wie Ordos in der Inneren Mongolei zu berichten, wo Straßen, Einkaufszentren und Wohnungen für über eine Million Menschen errichtet wurden, die nie kamen. Satellitenbilder von anderen Städten zeugen von ähnlichen Zuständen.“ (2)

Die ungenutzte Wohnfläche böte 200 Millionen Menschen Platz, bezifferte Finance Asia vor zwei Jahren den gigantischen Leerstand. (3)

China steht vor immensen Herausforderungen. Sie reichen von zunehmender Umweltverschmutzung, einer stetig wachsenden sozialen Spaltung der Gesellschaft bis zu den hohen Schulden der chinesischen Unternehmen und lokalen Regierungen. Gerade diese Schulden der Kommunen, die oftmals von Schattenbanken mit entsprechenden Wucherzinsen finanziert werden, bereiten den Lenkern der Volksrepublik sorgen.

Vizefinanzminister Zhu Guangyao gab laut einem Bericht des Wall Street Journal kürzlich vor Journalisten unverblümt zu, dass die Zentralregierung schlicht nicht weiß, wie hoch die lokalen Regierungen genau verschuldet sind.

Gegenüber der Financial Times erklärte der chinesische Wirtschaftsprüfer Zhang Ke im April, die kommunale Verschuldung in China sei „außer Kontrolle“. (4) 2011 waren Chinas Unternehmen bereits mit 108 Prozent des BIP verschuldet.

Es ist daher nicht so sehr die schwächelnde Konjunktur, die Anlass zur Sorge gibt. Vielmehr ist es das Fundament, auf dem das chinesische Wirtschaftswachstum beruht, das dem Land eine ungewisse Zukunft bereithält.

Anmerkungen

(1) http://www.hintergrund.de/201306052603/wirtschaft/welt/die-china-illusion.html
(2) http://www.welt.de/wall-street-journal/article107809053/Die-Volksrepublik-steht-vor-dem-Absturz.html
(3) http://www.financeasia.com/News/231364,a-question-of-time.aspx
(4) http://www.ft.com/cms/s/0/adb07bbe-a655-11e2-8bd2-00144feabdc0.html#axzz2Z7UBCMBm

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