Ukrainie-Krise

Feindsender und Feindbilder

Die Hintergrund-Medienrundschau vom 8. März 2022

REDAKTION, 8. März 2022. Die EU-Zensur schlägt zu. Seit vergangener Woche ist der Zugang zu staatsfinanzierten russischen Medien nur noch über Umwege erreichbar. Denn die Verbreitung der RT-Ableger RT English, RT UK, RT DE, RT Frankreich und RT Spanien sowie Sputnik ist innerhalb der Union verboten (RND, 2.3.22) – was im übrigen auch von deutschen Experten kritisiert wird (pro, 2.3.22). Die Sender sind aus den Kabelnetzen verschwunden, die Websites nicht mehr direkt verfügbar und auf den verschiedenen Social Media Plattformen (inklusive Telegram) sind die jeweiligen Kanäle kaum mehr zu finden.

Eine Ausnahme macht zumindest derzeit noch SNA, die deutsche Sputnik-Ausgabe. Während die Redaktion der Website die Arbeit eingestellt hat (Redglobe, 5.3.22), gibt es auf Telegram Nachrichten und gelegentlich Links zu Videobeiträgen auf Odysee. Zensur im Internet-Zeitalter, die es natürlich auch in Russland gibt. Massiv, keine Frage. Aber das funktioniert nicht so einfach. RT selbst zeigt Alternativen auf (RT DE, 8.3.22) und die Leser der Nachdenkseiten haben weitere Tipps parat (Nachdenkseiten, 8.3.22). Immerhin ist das Abhören, Lesen und Schauen der Feindsender nicht verboten. Zumindest noch nicht.

In jedem Fall gilt: Wer sich informieren will, der braucht mehrere Kanäle. Denn Feindbilder gibt es überall. In der deutschen Presse natürlich Putin, Putin, Putin. Es ist Putins Krieg. Jedes Kiosk, jeder Zeitungsständer zeigt dies. Auch die Nachrichtensendungen in Radio und Fernsehen. Und die Internetseiten. Es gibt jede Menge blinde Flecken, meint Rüdiger Suchsland (Telepolis, 8.3.22). Wir hören nichts von den Russen, auch nicht, ob die Ukrainer die Politik ihrer Regierung gut heißen. Wir hören, dass sie Angst haben. Verständlich. Wir hören von Zerstörungen und Flüchtlingen. Wir erleben das Schwarz-Weiß des Krieges. Die Rollen sind klar verteilt.

Natürlich berichten die Auslandskorrespondenten des Mainstreams auch von „diesseits“ der Kampflinie. Sie stehen auf ukrainischer Seite, was vermutlich auch gar nicht anders geht. Der Medienblog Übermedien fasst zusammen, wie das mit der Berichterstattung – über „Putins Krieg“ natürlich – von vor Ort funktioniert (uebermedien.de, 4.3.22) und welche Gefahren es gibt. Auch Medieninsider berichtet, welche Medien Reporter vor Ort haben (medieninsider.de, 2.3.22). Hintergrund war unter anderem die Kritik an der ARD, die teilweise Kollegen von anderen Medien in ihre Sendungen schaltete. Reporter vor Ort fehlten.

Das ZDF ist vor Ort. Reporter berichten vom Leid des Krieges (ZDF, 7.3.22), wobei derzeit nicht aus Moskau gesendet werden kann (ZDF, 5.3.22). Wer mehr wissen will muss zahlen, denn die Berichte der Korrespondenten beispielsweise der Welt, des Spiegel oder der Bild sind oft hinter Bezahlschranken zu finden. Wobei das mindestens bei der Bild auch kein großer Verlust ist. Denn dort ist klar, was berichtet wird und was nicht, so Julian Röpke in einem Tweet (Twitter, 1.3.22). Darauf machte unter anderem der Corona-Blog aufmerksam und fasst dort übrigens auch andere anti-russische Aktionen in Deutschland zusammen (corona-blog.de, 3.3.22, Achtung: verstörende Bilder am Ende). Röpkes Tweet enthält den Irrsinn der deutschen Medien-Propaganda in knappster Form. Dass nur randständige Alternativmedien darauf aufmerksam machen (ebenfalls: blauerbote, 3.3.22), zeugt von der eindeutigen Haltung des Mainstreams: Was nicht sein darf, wird nicht berichtet. Und das kann ein Julian Röpke so einfach in aller Twitter-Öffentlichkeit feststellen. Merke: Kriegsverbrechen werden nur angeprangert, wenn der Feind sie verübt. Und der Feind ist der Iwan. Das wissen wir nicht erst seit Februar 2022.

Und dann gibt es noch die andere Seite. Wenn man das so sagen kann. Denn so einfach ist das eben nicht. Das menschliche Leid im Krieg, das Leid der Kinder, der Alten, der Unschuldigen auf allen Seiten, ist schwer zu ertragen. Deswegen wird es auch Teil der Propaganda. Schauen wir einmal nach Mariupol, der umkämpften Großstadt. Für die einen sind es die Russen (oder eben Putin), die die Menschen nicht aus der Stadt lassen und die Feuerpause brechen (Tagesspiegel, 8.3.22). Die anderen verweisen auf das rechtsextreme Asow-Bataillon, das den Menschen die Ausreise unmöglich mache (RT DE, 6.3.22, krass & konkret, 7.3.22). Die Rechtsextremen von Asow aus Mariupol sind auch Thema am Rande des Mainstreams (Berliner Kurier, 8.3.22). Der Berliner Verlag gehört zu den Medien, in denen auch die „Gegenseite“ einmal zur Sprache kommt, worauf auch Übermedien in einem Beitrag hinweist, der aber nur für Abonnenten zugänglich ist. Wer ausschert steht unter Beobachtung.

Und dann wäre da noch die junge Welt. Dort finden sich – was wenig wundert – Berichte, die vom herrschenden Narrativ abweichen. Einen eigenen Korrespondenten hat die Zeitung nicht im Land, allerdings mit Reinhard Lauterbach einen ausgewiesenen Experten. Er versucht sich ein Bild von der Lage in Mariupol zu machen, das wie alle anderen bruchstückhaft bleiben muss (junge Welt, 7.3.22 und junge Welt, 8.3.22). Zudem veröffentlichte die Zeitung am Wochenende eine Reportage aus dem Donbass als Übernahme aus der französischen Zeitung L‘Humanité (junge Welt, 5.3.22), ein Interview mit einem ukrainischen Journalisten (junge Welt, 5.3.22)

Am Ende schauen wir noch auf die Berichte der freien Journalistin Alina Lipp. Sie hat immerhin schon die „Weihe“ eines Faktenchecks durch Correctiv erhalten (correctiv, 25.2.22), das ihr Fehlinformationen nachgewiesen haben will. Zum Thema Faktenchecks gibt es viel zu sagen, hier und heute fehlen Platz und Zeit (eine Einführung bei Rubikon, 15.1.22). Zurück zu Alina Lipp. Sie hat in den vergangenen Tagen auf ihrer Website von der Front im Donbass berichtet (Neues aus Russland, 7.3.22 und Neues aus Russland, 4.3.22). Auch Thomas Röper vom Anti-Spiegel, der in Russland sitzt und aus russischer Perspektive schreibt, hat ihre Berichte veröffentlicht (Anti-Spiegel, 7.3.22). Ein Blick auf seine Seite lohnt meistens – mindestens als Korrektiv.

Was fehlt? Vieles. Wie immer. Das geht gar nicht anders. Corona scheint im Hauptstrom der Berichterstattung kaum ein Thema mehr zu sein. Dass der Vorstand einer Krankenkasse gehen muss, weil er Fragen stellte, findet in den meisten Medien nicht statt. Seine Fragen ließen falsche Schlüsse zu – und er hat dann noch den falschen Experten gefragt (Multipolar, 5.3.22). Die Impfpflicht, die im Bundestag ab kommender Woche beraten werden soll, wird angesichts des Krieges ebenfalls wenn überhaupt auf den hinteren Seiten (oder im unteren Teil der Websites) thematisiert. Das gilt, wie jeder sehen kann, auch für diese Ausgabe der Medienrundschau. Sie erscheint an dieser Stelle weiter in loser Folge. Sie wird auch auf Corona schauen. Später.

Zu sagen bleibt: Bilden Sie sich Ihre eigene Meinung. Schauen Sie hier und bei den anderen genannten Medien wieder hinein. Und senden Sie uns gerne Vorschläge für diese neue Rubrik, die in loser Folge erscheinen soll: redaktion@hintergrund.de.

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