Kriege

»Der Westen rächt sich an uns für unsere Barmherzigkeit«

85 Jahre nach dem Überfall auf die Sowjetunion: Während die offizielle Politik in Berlin und Brüssel das Gedenken zunehmend politisiert, blickt man in Belarus anders auf die Geschichte. Unsere Korrespondentin ÉVA PÉLI reiste nach Brest, um direkt am Ort des Geschehens – der Brester Festung – mit dem Historiker Alexander Korkotadse über die Lehren des Vernichtungskrieges zu sprechen. Ein Gespräch über das drohende Vergessen, die Gefahren der »Cancel Culture« und warum die Erinnerung an den gemeinsamen Sieg gegen den Nationalsozialismus heute mehr denn je zum »nationalen Code« geworden ist. Das Interview wurde in russischer Sprache geführt und von Éva Péli ins Deutsche übersetzt.

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Brester Festung Foto: Nakonana Quelle: Wikimedia Commons Lizens: CC BY-SA 4.0
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HINTERGRUND Die Brester Festung war eines der ersten Ziele der 45. Infanteriedivision der Wehrmacht. Im Westen weiß man nur sehr wenig über diesen Widerstand. Könnten Sie die Bedeutung dieser Verteidigung kurz beschreiben?

ALEXANDER KORKOTADSE Die Verteidigung der Brester Festung hat eine doppelte, essenzielle Bedeutung: eine moralische und eine militärische. Im Vordergrund steht dabei der moralisch-psychologische Faktor. Der Krieg begann ohne jede Vorwarnung, im Morgengrauen, als die Garnison schlief. Laut deutschen Archiven wurden allein in den ersten 30 Minuten über 5.000 Artilleriegranaten und Raketengeschosse auf die Festung abgefeuert. Viele starben in den Kasematten noch im Schlaf. Die Sturmabteilungen der Wehrmacht begannen, den Bug – den Grenzfluss zwischen dem heutigen Belarus und Polen – schon vier Minuten nach Beginn der Artillerievorbereitung zu überqueren, wodurch die Verteidigung von der ersten Stunde an in isolierte Widerstandszentren zerfiel.

Gestützt auf die Erfahrungen aus den Feldzügen in Frankreich und Polen ging die Wehrmachtsführung davon aus, die Verteidiger mit diesem Schlag zu demoralisieren und die Festung im Handstreich zu nehmen. Doch die Wehrmacht hat die Rote Armee fatal unterschätzt. Die Besatzer stießen auf erbitterten Widerstand und Kämpfe um jeden Meter. Trotz des Schocks und der vollständigen Einkesselung nahmen die sowjetischen Soldaten den Kampf auf. Für die deutsche Armee war dies ein Schock, denn in Europa bedeutete eine Einkesselung automatisch die baldige Kapitulation.

Nicht weniger wichtig ist der militärische Faktor. Die 45. Division sollte bereits am ersten Tag weiter nach Osten vorstoßen. Stattdessen wurden ihre besten Kräfte in Brest bis fast Anfang Juli gebunden. Der Heroismus der Festungsverteidiger durchbrach das Tempo des deutschen Blitzkriegs an diesem Frontabschnitt.

HINTERGRUND Wie gelang es den Rotarmisten, die Verteidigung aufrechtzuerhalten, als die Wehrmacht bereits weit in das Landesinnere vorgestoßen war?

KORKOTADSE Hier trafen zwei Faktoren zusammen: der defensive und der moralisch-psychologische. Aus technischer Sicht half die Festigkeit der Mauern aus dem 19. Jahrhundert – ihre Dicke erreicht bis zu zwei Meter. Nicht jedes Geschütz konnte sie durchschlagen.

Doch entscheidend war die Standhaftigkeit der Menschen. Patriotismus verwandelte diese Ziegelbauten in ein unüberwindbares Bollwerk. Der Schriftsteller Sergej Smirnow hat es sehr treffend formuliert: Die Festung waren nicht die Mauern, sondern der Geist der Verteidiger (im russischen Original: »Крепость — это не только стены, крепость — это люди, это их дух«).

In den deutschen Berichten versuchte das Kommando, den Misserfolg des Sturmangriffs auf die »mangelnde Effektivität der Raketenwerfer« zu schieben. Die Besatzer wollten schlicht nicht zugeben, dass sie den sowjetischen Soldaten fatal unterschätzt hatten. Die NS-Führung konnte sich aufgrund der Rassedoktrin des Dritten Reiches nicht einmal vorstellen, dass Menschen, die sie als »Untermenschen« betrachteten, eine solche Willensstärke zeigen würden. Dieser rassistische Hochmut spielte der Wehrmacht am Ende einen bösen Streich.

HINTERGRUND Die Heldentat der Festung blieb anfangs in der UdSSR unbekannt. Wie erfuhr die Führung des Landes, was sich hier abgespielt hatte?

KORKOTADSE In den ersten Stunden des Krieges gab es keine Verbindung zur Garnison, daher blieben keine operativen Dokumente erhalten. Alles änderte sich im Jahr 1942. Im Zuge der sowjetischen Gegenoffensive vor Moskau wurde das Hauptquartier der 45. Infanteriedivision der Wehrmacht zerschlagen und dessen Archiv erbeutet. Unter den Dokumenten befand sich der »Gefechtsbericht über die Einnahme von Brest-Litowsk« von General Fritz Schlieper.

Als dieser Bericht übersetzt wurde, begriff man in Moskau erstmals das wahre Ausmaß des Widerstands. Bereits im Juni 1942 erschien in der Zeitung Krasnaja Swesda (Roter Stern) der Artikel »Vor einem Jahr in Brest«. Erst dadurch erfuhr das sowjetische Volk von den heldenhaften Kämpfen in der Zitadelle. Später widmeten sich Historiker und Schriftsteller intensiv der Thematik. Es dauerte Jahre, um die Erinnerungen der Überlebenden mühsam zusammenzutragen und die Bedeutung dieser Verteidigung wirklich zu erfassen.

HINTERGRUND Deutsche Quellen behaupten, dass etwa 7.000 Soldaten der Garnison in Gefangenschaft gerieten. Wie geht das Memorial heute mit diesem Thema um?

KORKOTADSE Die deutsche Zahl von 7.000 Gefangenen ist stark übertrieben. Um die eigenen hohen Verluste zu rechtfertigen, nahm die Wehrmacht Zivilisten und Mobilisierte, die sich bei Übungen befanden, in diese Berichte auf. Dokumentarisch lässt sich für die Angehörigen der eigentlichen Garnison eine Zahl von etwa 2.000 Gefangenen nachweisen.

Dennoch gerieten Tausende Verteidiger in Gefangenschaft. Die Vernichtung von Gefangenen war Teil der nationalsozialistischen Genozidpolitik. Die Statistik spricht für sich: Während in sowjetischer Gefangenschaft etwa 15 Prozent der deutschen Kriegsgefangenen starben, kamen in der nationalsozialistischen Gefangenschaft 57 Prozent unserer Soldaten um – über drei Millionen Menschen. Um ihr Andenken zu ehren, eröffnen wir im westlichen Teil der Zitadelle eine neue Gedenkzone »Trauer«. Dort werden die Namen der Festungsverteidiger verzeichnet, deren Tod in faschistischer Gefangenschaft wir absolut zweifelsfrei belegen konnten.

Leider wird diese Tragödie im Westen verschwiegen. Es findet eine methodische Tilgung dieser Fakten aus der europäischen Geschichte statt.

HINTERGRUND Wie gestaltet sich derzeit die Zusammenarbeit mit der deutschen Seite im Archivwesen?

KORKOTADSE Aufgrund der politischen Linie von Brüssel und Berlin hat die Intensität der offiziellen Kontakte abgenommen, aber auf der Ebene der Historiker bestehen die Verbindungen fort. Kollegen aus Deutschland forschen zum Thema Gefangenschaft und wenden sich für Materialien an uns.

Eine enorme Hilfe sind die erbeuteten deutschen Kriegsgefangenenkarten, die digitalisiert und frei zugänglich gemacht wurden. Da die Garnison vor der Kapitulation alle Personallisten vernichtet hatte, erlauben uns gerade die deutschen Lagerkarten, die Namen und die Verlegungskette durch die verschiedenen Lager unserer Soldaten durch die Konzentrationslager zu rekonstruieren – und sie förmlich aus dem Vergessen zu reißen. Uns schreiben massenhaft Enkel und Urenkel der Verteidiger. Wenn es gelingt, das Schicksal eines Menschen zu klären, der in einem Lager irgendwo in Deutschland umkam, ist das für uns die größte Belohnung.

HINTERGRUND Es ist bekannt, dass unmittelbar nach der Einnahme von Brest Tausende Juden ermordet wurden. Es wird immer wieder kritisiert, dass dem Gedenken an die jüdischen Opfer in der Stadt nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt werde. Wie stehen Sie zu solcher Kritik?

KORKOTADSE Ich halte diese Kritik für unbegründet und politisiert. In Brest sind Denkmäler für die Opfer des Holocaust errichtet, ein Lapidarium wurde eröffnet, in dem alte jüdische Grabsteine gesammelt sind, die die deutschen Besatzer zum Pflastern von Straßen missbraucht hatten. Im Stadtzentrum, auf dem Gelände des ehemaligen Ghettos, wurde ein Gedenkzeichen aufgestellt. Über diese Tragödie wird in den Museumsausstellungen ausführlich berichtet. Bei uns wird nichts verschwiegen.

Bei Ausgrabungen im Jahr 2019 wurden die Überreste von über tausend Menschen gefunden. Die Suchtrupps fanden die Knochen von Frauen, die ihre Kinder bis zum letzten Moment umklammert hielten. Die Besatzer hatten die Erschießungsgruben nach der Exekution eilig zugeschüttet, um die Spuren des Verbrechens zu verbergen. Alle gefundenen Überreste wurden feierlich beigesetzt. In Belarus gilt das Gesetz »Über den Völkermord am belarussischen Volk«, das auch die jüdische Bevölkerung einschließt. Das waren Bürger unseres Landes; wir teilen die Opfer nicht nach nationalen Merkmalen ein – für uns ist das eine gemeinsame Tragödie.

Dabei ist es wichtig, den grundlegenden Unterschied im Charakter der Besatzung in West- und Osteuropa zu verstehen. Auf dem Gebiet der UdSSR zielte die Politik der Nationalsozialisten auf die Ausrottung des gesamten sowjetischen Volkes ab. Gemäß dem »Generalplan Ost« wurden Slawen als »minderwertige Rasse« betrachtet und sollten vernichtet oder ausgesiedelt werden. Die jüdische Bevölkerung stand in diesem Zeitplan an erster Stelle, die slawische folgte direkt danach und wurde mit der gleichen Gnadenlosigkeit vernichtet.

In den Erschießungsgruben finden wir ständig neben Zivilisten auch die Überreste sowjetischer Kriegsgefangener und Politkommissare, die gemäß dem »Kommissarbefehl« der Nazis sofort zu vernichten waren. Es traf alle. In den Jahren der Besatzung wurden in Brest über 600 Familienangehörige von Garnisonskommandeuren erschossen – Frauen, Alte und Kinder, die keine Juden waren. Die Nazis vermerkten, dass »Kommandeursfamilien eine Quelle potenziellen Widerstands« seien. Der Krieg gegen die Sowjetunion hatte von Anfang an den Charakter eines rassistischen Vernichtungskrieges; auf dem Territorium der UdSSR waren Soldaten der Wehrmacht offiziell von der Verantwortung für Verbrechen gegen Zivilisten befreit.

HINTERGRUND Welche Hauptlehren sollten wir heute aus der Geschichte der Festungsverteidigung ziehen – 85 Jahre nach dem Überfall?

KORKOTADSE Leider lehrt die Geschichte, dass sie nichts lehrt. Nach Jahrzehnten hebt der Nationalsozialismus wieder sein Haupt: Menschen werden erneut nach nationalen und sprachlichen Merkmalen eingeteilt. Dabei versucht man, Belarus und Russland als »Aggressoren« darzustellen und zynisch mit dem Dritten Reich gleichzusetzen. Aber wenn europäische Politiker wirklich Antifaschisten wären, warum werden dann im Baltikum Denkmäler für sowjetische Befreier abgerissen und in der Ukraine NS-Verbrecher heroisiert?

Dass in Berlin heute sowjetische Symbole des Sieges verboten werden – hätte man sich das vor zehn Jahren vorstellen können? Der Westen gleitet in rasantem Tempo in den Revisionismus ab. Die bittere Ironie besteht darin, dass Russen und Belarussen zu neuen Objekten totaler Diskriminierung geworden sind, die im Westen schlicht »gecancelt« werden.

Als die Sowjetunion den schwersten Krieg gegen Hitler-Deutschland führte, kam in Moskau niemand auf den Gedanken, die deutsche Sprache, Schiller oder Goethe zu verbieten. Allen war klar, dass wir gegen ein verbrecherisches Regime kämpfen, nicht gegen eine Nation. Es gab den berühmten Satz: »Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk bleibt.« Die heutige westliche Elite hingegen erklärt das gesamte Volk für schuldig und fordert das Verbot unserer Kultur. Das sind Losungen rein nationalsozialistischer Prägung!

Die wichtigste Lehre der Brester Festung ist der Internationalismus. Auf den Platten unseres Memorials werden Russen, Juden, Ukrainer, Belarussen, Georgier, Armenier und Aserbaidschaner nebeneinander genannt. Sie hatten ein gemeinsames Ziel – den Faschismus zu besiegen –, und wir erlauben nicht, diesen gemeinsamen Sieg in »nationale Quartiere« aufzuteilen.

Gerade der Internationalismus hat damals die enge Rassedoktrin der Nationalsozialisten besiegt. Und jetzt wird im Baltikum die russischsprachige Bevölkerung in eine rechtlose Lage getrieben und Schulen werden geschlossen. Wenn man beginnt, Menschen nach Nationalitäten zu sortieren und eine Sprache als »richtig« und eine andere als »minderwertig« zu erklären – in diesem Moment beginnt Blut zu fließen. Was wir heute beobachten.

HINTERGRUND In Berlin verschwinden russische Geschäfte, Restaurants und Cafés zusehends unter dem Druck der »Cancel Culture«. Die Entwicklung treibt mitunter absurde Blüten: Selbst der klassische »Russische Zupfkuchen« wird vielerorts umgetauft und das Adjektiv »russisch« konsequent gestrichen, um den Bezug zum Land zu tilgen. Auch um die Denkmäler im Treptower Park entbrennen Diskussionen: Während ein Abriss angesichts der gesellschaftlichen Sensibilität vorerst ausbleibt, fordern Kritiker eine »neue Interpretation« – ungeachtet der Tatsache, dass es sich dort um aktive Kriegsgräberstätten handelt.

KORKOTADSE Das Schlüsselwort hier ist »vorerst«. Im Baltikum wurden schließlich auch erst nur die Denkmäler abgerissen, unter denen keine Gräber lagen, und dann machte man sich auch an die Grabdenkmäler und führte Exhumierungen durch. Was geschieht, hat einen ausgeprägten nationalistischen Charakter, was in erster Linie für Deutschland selbst extrem gefährlich ist.

Die westliche Propaganda arbeitet totalitär und verschweigt die historische Wahrheit vollständig. Kürzlich wurde in Polen eine ältere Frau gefragt: »Wer hat Auschwitz befreit?« Und sie antwortete völlig aufrichtig: »Washington. In den Jahren der sowjetischen Besatzung hat man uns belogen, es sei die Rote Armee gewesen, aber dank dem Weißen Haus haben sie uns die Augen geöffnet, jetzt kennen wir die Wahrheit.« Solche schrecklichen Prozesse der Verdrehung. historischer Erinnerung und der Auslöschung ganzer Völker aus der Geschichte finden heute vor unseren Augen statt.

Hätten die sowjetischen Truppen 1945 dieselben Methoden angewandt wie die Wehrmacht und die SS auf unserem Boden, gäbe es weder Deutschland noch das deutsche Volk heute mehr.

Aber das sowjetische Volk zeigte größte Barmherzigkeit, indem es zwischen dem Nazi-Regime und den einfachen Deutschen unterschied. Wir haben uns nicht gerächt – wir haben ihnen verziehen. Mehr noch, auch vielen Satellitenstaaten des Dritten Reiches wurde verziehen. Und jetzt stellt sich das paradoxe Gefühl ein, dass der moderne Westen sich an uns gerade für diesen Sieg und dafür rächt, dass wir damals Großmut gezeigt haben. Man kann uns diese Barmherzigkeit einfach nicht verzeihen.

HINTERGRUND Wie bewerten Sie die aktuelle Politik Deutschlands gegenüber Belarus und Russland vor dem Hintergrund der Geschichte des Vernichtungskrieges?

KORKOTADSE Die derzeitige Führung in Berlin hat kein Gefühl der Dankbarkeit mehr dafür, dass das Land über 80 Jahre unter friedlichem Himmel gelebt hat. Es fehlt das Verständnis dafür, dass gerade die Rote Armee mit ihrem Sieg die deutsche Nation vor der totalen Selbstzerstörung gerettet hat.

Leider sind die heutigen westlichen Eliten nicht eigenständig. In der gegenwärtigen Situation werden nur die USA stärker und reicher, während andere Länder, die in die aufgezwungene Konfrontation mit Russland und China hineingezogen werden, in eine tiefe Wirtschaftskrise abgleiten. Belarus hat immer seine Bereitschaft zu gutnachbarschaftlichen Beziehungen erklärt. Diese destruktive Politik der Isolation muss gestoppt werden – im Namen jener Millionen Leben, die vom sowjetischen Volk für den Frieden geopfert wurden.

HINTERGRUND Das Europäische Parlament hat 2019 in einer Resolution die Verantwortung der Sowjetunion und Hitler-Deutschlands für die Entfesselung des Zweiten Weltkriegs faktisch gleichgesetzt. Wie bewerten Sie diesen Beschluss?

KORKOTADSE Heute versuchen die Nachfahren derjenigen, die auf der Seite der Hitler-Koalition kämpften, die Sowjetunion, die ihr entschlossenster und erbittertster Feind war, mit dem Nazismus gleichzusetzen. Es ist unzulässig, sie auf eine Stufe zu stellen – weder aus logischer noch aus moralischer Sicht.

Rein historisch betrachtet ist der Beginn des Zweiten Weltkriegs das direkte Ergebnis der Politik der »Appeasement«-Politik gegenüber dem Aggressor, die Frankreich und Großbritannien gezielt betrieben haben, um Hitler nach Osten gegen die UdSSR zu lenken. Wer schloss 1934 als Erster einen Pakt mit Hitler? Polen – das war der Pakt Pilsudski-Hitler. Wer beteiligte sich 1938 an der Teilung der Tschechoslowakei? Polnische Truppen, die daraufhin eine gemeinsame Parade mit den Deutschen im Teschener Gebiet abhielten. Gerade Polen blockierte die Schaffung einer Anti-Hitler-Koalition unter Beteiligung der UdSSR, indem es kategorisch den Durchzug sowjetischer Truppen zum Schutz der Tschechoslowakei verweigerte. Daher ist das Münchner Abkommen der faktische Beginn des Zweiten Weltkriegs und keineswegs der September 1939.

Die Sowjetunion sicherte 1939 lediglich ihre lebenswichtigen Interessen an den westlichen Grenzen. Leider versucht man jetzt aus einer Reihe europäischer Länder unschuldige Opfer zu machen, obwohl sie aktiv an der Aggression gegen die UdSSR teilgenommen oder sie begünstigt haben. Über die Ereignisse jener Jahre kann es verschiedene Ansichten geben, aber man darf nicht in direkte Fälschung und Lüge abgleiten.

Lassen Sie uns zum Kern der Ideologien zurückkehren. Der kommunistischen Idee lag der Internationalismus zugrunde. Ja, es gab einen harten Klassenkampf, aber das war niemals Völkermord aus rassistischen Gründen. Und was lag dem Nazismus zugrunde? Die Doktrin der Rassenüberlegenheit: »Herrenrasse« und »Untermenschen«. Ein offizielles Programm, nach dem Sinti und Roma, Juden sowie Slawen der totalen physischen Vernichtung preisgegeben waren. Diese beiden Systeme auf eine Stufe zu stellen, ist eine dreiste, bewusste Lüge und historischer Wahnsinn.

HINTERGRUND Wie arbeiten Sie in Belarus mit der Jugend? In Deutschland ist es fast unmöglich, der jungen Generation einen alternativen Standpunkt zur Geschichte zu vermitteln – das Schulsystem wird vollständig vom offiziellen Narrativ kontrolliert.

KORKOTADSE Bei uns ist das Teil einer konsequenten staatlichen Politik. Erstens wurden an allen Schulen und Hochschulen obligatorische Kurse zur Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges eingeführt. Zweitens besuchen die Schüler regelmäßig die Gedenkstätten – Chatyn, das Museum für die Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges in Minsk. Unsere Militärmuseen sind die meistbesuchten im Land.

Man muss junge Menschen aus der Komfortzone herausholen, damit sie klar verstehen: Ihr heutiges friedliches Leben verdanken sie denen, die vor 85 Jahren dafür gefallen sind. Zugleich ist es gelebte Tradition, die Brester Festung generationenübergreifend mit der gesamten Familie aufzusuchen. Und das hat nichts mit Militarismus oder Kriegspropaganda zu tun – ganz im Gegenteil.

Wir klammern uns aus zwei Gründen an unsere historische Erinnerung. Erstens: Man wollte uns damals gezielt auslöschen. Zweitens: Das ist unser rechtmäßiger Stolz – unsere Vorfahren erwiesen sich als so stark, dass sie die mächtigste Kriegsmaschine des Nazismus zerschlagen konnten. Zudem sehen wir heute, dass gegen uns erneut ein kalter, ideologischer Krieg geführt wird. Und deshalb sind wir verpflichtet, eine Jugend heranzuziehen, die in der Lage ist, im Bedarfsfall ihre Heimat zu verteidigen.

Erinnern Sie sich an die Geschichte: Die Hitlerleute kamen auch mit schönen Parolen zu uns – sie versprachen, »höhere Kultur« zu bringen und ein zivilisiertes Leben unter der Ägide eines »Gesamteuropa« einzurichten. Faktisch begann jedoch die totale Vernichtung. Heute hören wir wieder dieselben Parolen, hinter denen sich der alte Gedanke verbirgt: Unser Volk ist wieder »überflüssig« in ihrem »europäischen Garten«. Wir erziehen die junge Generation nicht im militaristischen Geist, sondern im Verständnis einer heiligen Pflicht. Wenn es nötig ist, müssen wir alle wie die Brester Festung zur Verteidigung unseres Landes werden.

Die Wahrheit bahnt sich ohnehin ihren Weg. Bemerkenswert in diesem Sinne sind die Frontdokumente und Tagebücher der Hitlerleute selbst, die im Juni 1941 in Brest kämpften. In einem Regimentsbericht vom 22. Juni schreibt ein deutscher Offizier: »Äußerst hinterhältige Methoden der Kriegsführung durch die Russen.« Man fragt sich: Wer hat wen plötzlich, mitten in der Nacht, ohne Kriegserklärung überfallen? Aber die Doppelmoral hat sich seitdem kein bisschen geändert.

Dabei gibt es bei einem der deutschen Autoren, Alfred Wechler, Teilnehmer des Sturms, einen sehr präzisen Satz. Er hielt fest, dass das Schlachtfeld in der Brester Festung schrecklicher war als die schlimmsten Schlachtfelder in Frankreich und Polen. Das heißt, schon in den ersten Tagen des Krieges verstanden die Soldaten der Wehrmacht aus eigener Erfahrung, dass die Kampagne an der Ostfront grundsätzlich anders sein würde.

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Heute versuchen einige westliche Forscher zu beweisen, dass in Brest nichts Besonderes passiert und alles nur ein sowjetischer Mythos sei. Wenn man jedoch die Erinnerungen sowjetischer Soldaten und die Memoiren der deutschen Frontsoldaten vergleicht, wird man erstaunt sein, wie nahe sie beieinanderliegen. Unsere schreiben über ihren Widerstand, und die deutschen Soldaten geben gezwungenermaßen zu, dass die Russen tatsächlich bis zur letzten Patrone kämpften. Hier gab es den wahrhaftigsten, authentischsten Heroismus der sowjetischen Krieger. Die Heldentat der Brester Festung wird ein größtes und unerschütterliches Denkmal unseres Mutes bleiben.

Alexander Alexandrowitsch Korkotadse wurde 1976 in Brest geboren und ist eine zentrale Persönlichkeit bei der Bewahrung des historischen Erbes in Belarus. Er absolvierte sein Studium an der Staatlichen Universität Brest (Fachrichtung Geschichte) sowie an der Akademie für öffentliche Verwaltung beim Präsidenten der Republik Belarus. Nach 20 Jahren Tätigkeit für den Gedenkkomplex »Festung Brest-Held« übernahm er im Jahr 2023 dessen Leitung als Direktor. Seine politische Arbeit umfasst dabei drei wesentliche Säulen: Er ist Abgeordneter des Gebietsrats von Brest in der 29. Legislaturperiode, langjähriger Delegierter der Allbelarussischen Volksversammlung sowie Mitglied des Republikanischen Rates für historische Politik. In dieser Funktion wirkt er maßgeblich an der Gestaltung der staatlichen Erinnerungskultur mit.

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