Ukraine-Krieg

Ein Fehler und seine Korrektur

In 20 Sekunden hat die Tagesschau das Elend der Medien offenbart. Der ukrainische Beschuss von Donezk wurde umgedeutet in einen russischen. Die Tagesschau korrigiert sich. Im Netz. Das Bild bleibt im Kopf der Zuschauer. Die Hintergrund-Medienrundschau vom 17. Juni 2022.

Der Tagesschau-Beitrag vom 13. Juni 2022: Blick auf den Markt von Donezk.
Screenshot: hintergrund.de, Mehr Infos

(Redaktion/17.6.22) Die Tagesschau berichtet falsch. Erzählen Sie uns etwas Neues, mögen Sie jetzt sagen. Stimmt. Falschberichterstattung, Weglassen, Fehldeutungen, dafür kennen wir die Tagesschau seit Jahren. Aber lesen Sie erst einmal weiter. Es ist wichtig. Denn was diese Woche lief, war ein Musterbeispiel an Desinformation. Vom Fehler bis zur Berichtigung. Am Montag, 13. Juni, berichtete die Tagesschau in ihrer Hauptausgabe das Folgende: „Zivile Ziele, immer wieder stehen sie unter Beschuss der russischen Armee. Dies ist der Markt in der ostukrainischen Stadt Donezk, oder das, was davon übrig ist.“ (archiviert auf Twitter) Wer Schuld sein soll, ist offenkundig. Schließlich folgt die Bitte um Waffenlieferungen durch den ukrainischen Präsidenten.

Vier Stunden zuvor, in der 16-Uhr-Sendung, war die Tagesschau gar noch eindeutiger: „Viel ist nicht übrig von diesem Markt in der ostukrainischen Stadt Donezk. Drei Menschen sollen bei dem russischen Angriff getötet, mehrere verletzt worden sein. Gegen den massiven Beschuss der russischen Armee ist die Ukraine zunehmend machtlos.“ (archiviert auf Twitter) Um 16 Uhr und um 20 Uhr: Fehlinformationen in Deutschlands Nachrichtensendung Nummer eins. Die Agentur Reuters, die Basis der Berichte war, spricht zutreffend von ukrainischem Beschuss (Ticker auf MSN, 16.6.22). Offenkundiger ging es kaum. Und so haben wir scheinbar nicht mehr viel zu tun an dieser Stelle; denn die Faktenchecker von Correctiv sind aktiv geworden. Die Behauptung in den Sozialen Netzwerken stimme. Die Tagesschau berichtete falsch (Correctiv, 15.6.22).

Ein Versehen sei es gewesen, sagt die Sprecherin der ARD gegenüber Correctiv. Ein Versehen? Kommen die damit durch? Bei Correctiv schon. Deren Mitarbeiter geben den Beiträgen in den Sozialen Netzwerken recht und hinterfragen nicht weiter. Auch der Tagesschau-Blog gibt einen Tag später zu, was nun nicht mehr zu leugnen ist: „Uns ist der Fehler in der Abnahme des Beitrags nicht aufgefallen, das ärgert uns sehr und wir bedauern das, denn es entspricht nicht der sonst gebotenen journalistischen Sorgfalt in unsere Berichterstattung. Der Beitrag wurde überarbeitet und die Sendung aktualisiert.“ (Tagesschau-Blog, 16.6.22) Ein kleiner Fehler? Bei der Abnahme? Wer wusste denn da nicht, wo Donezk liegt? Wie kann das sein? In der Redaktion von ARD Aktuell gab es Redakteure, die wussten was Sache war. Denn der Live-Blog auf tagesschau.de berichtete am Mittag richtig, die Sendung zur Prime Time hingegen war falsch? Merken die Redakteure nicht, dass sie damit offenkundig machen, wie sehr sie von der Ukraine und ihrer Sichtweise vereinnahmt werden? Wie sehr sie selbst Partei geworden sind?

Kommentatoren kritisieren im Blog die Tagesschau-Redaktion, weitere Folgen hat das nicht. Die monierte Sendung ist im Netz „korrigiert“ (dazu gleich), die 4,6 Millionen Zuschauer, davon die überwiegende Mehrheit über 50 Jahren (DWDL, 14.6.22, archiviert), schauen nicht in den Blog. Geschweige denn, dass sie das korrigierte Video anschauen. Nichts ist so alt wie die Nachrichten von gestern. Ja und nein. Natürlich versendet sich vieles. Der Eindruck aber bleibt. Und wird verfestigt. Wieder einmal der böse Russe. Zivilisten werden bombardiert. Gegen den Iwan muss etwas getan werden. Waffen, Waffen, Waffen. Und genau die Forderung nach mehr Waffen von Präsident Selenskyi wird in der Tagesschau am 13. Juni mit den Bildern aus Donezk eingeleitet. Denn eigentlich waren die Bilder gar nicht die Nachricht, über die wir hier gerade schreiben. Es ging um mehr Waffen. Und es sind genau die Waffen aus dem Westen, die gegen die Ostukrainier eingesetzt worden sind. Von denen, die sie zurück in eine ungeteilte Ukraine holen wollen.

Die notwendige Korrektur der Tagesschau-Redaktion muss in dieses bereits gezeichnete Bild hinein passen. Sie muss dem Narrativ gehorchen und so muss passend gemacht werden, was nicht zusammen passt. In der geänderten Fassung heißt es nun: „Zivile Ziele, immer wieder stehen sie unter Beschuss. Dies ist der Markt in der ostukrainischen Stadt Donezk oder das was davon übrig ist.“ (Tagesschau, 13.6.22, geändert) Der Text beschreibt das Bild, das zu sehen ist. Richtig. Und die Einordnung? Wer hat da bombardiert? Fehlt. Jetzt passt eigentlich gar nichts mehr. Warum hat die Tagesschau diese Bilder gesendet? Eine nachrichtliche Bedeutung haben sie nicht mehr. Hatten sie wohl noch nie. Wann wer wen bombardiert hat, das wäre eine Nachricht. Dafür ist aber gar nicht der Ort, denn das Thema ist ein anderes. Also braucht es einen schiefen Übergang: „An anderen Orten sind die ukrainischen Streitkräfte zunehmend machtlos gegen die massiven Angriffe der besser ausgerüsteten russischen Armee.“ Was ist jetzt mit Donezk? Vergessen, denn der Umschnitt zeigt den ukrainischen Präsidenten bei der Bitte um Hilfe. Um Waffen. Was denn sonst.

Die schiefe Korrektur, die Berichtigung im Blog, all dies geschieht natürlich unter dem Radar. Im Netz. Auf dem Sender läuft derweil das große Kino der Staatenlenker. Am Abend des 16. Juni, an dem die ARD den Fehler zugegeben hat, sind Scholz, Macron und Draghi in Kiew. Sie machen die Aufwartung bei Selenskyi. Die Falschmeldung von vor drei Tagen? Nicht der Rede wert. Zumindest keinen Platz in der Tagesschau um 20 Uhr. Die Forderung der Kritiker der Ständigen Publikumskonferenz verhallt ungehört. Sie hatten in ihrer Programmbeschwerde zur Sendung vom 13. Juni einen geeigneten Sendeplatz gefordert (Publikumskonferenz, 14.6.22). Den Sendeplatz gibt es nicht.

„Inkompetenz oder bewusste Fehlinformation?“, fragen die Nachdenkseiten am Tag nach den Fehlinformationen (Nachdenkseiten, 14.6.22). RT weist mit einem ironischen Unterton darauf hin, dass die Tagesschau ausnahmsweise einmal auf das Leid in den selbsternannten Volksrepubliken hingewiesen hat. Und sie weisen darauf hin, was wir gerade eben auch schon geschrieben haben: „Die zehn Sekunden mit den Bildern eines ukrainischen Kriegsverbrechens in Donezk verbunden mit der manipulativen Suggestion der Tagesschau wurden zum ,Anwärmen‘ gebraucht, um die richtige Stimmung für einen weiteren Auftritt des heldenhaften Selenkskij zu schaffen. Weil entsprechende Aufnahmen aus von Kiew kontrolliertem Gebiet nicht zur Verfügung standen, bediente man sich hemmungslos auf der anderen Seite.“ (RT, 14.6.22) Nun müssen wir nicht ständig mit dem Begriff Kriegsverbrechen um uns werfen, klar aber ist: Hier wird manipuliert und PR verbreitet. Diesmal aber war es zu plump. Da musste eben einmal Correctiv einschreiten, Uli Gellermann kann sich mit seiner Tagesschau-Kritik unter der Headline „Macht um Acht“ auf Apolut anderen Themen widmen (Übersicht).

Eine ganze Medienrundschau zu 20 Sekunden Tagesschau? Das ist gerechtfertigt. Denn mit diesen 20 Sekunden und der verdeckten wie verschämten Korrektur lässt sich das ganze Elend des aktuellen Nachrichtenjournalismus‘ auf den Punkt bringen. Er ist weder Journalismus noch liefert er Nachrichten. Er ist ein Teil der Propaganda-Maschine. Manchmal bewusst, oft vermutlich unbewusst. Wie diese Maschine funktioniert und vor allem wer dafür verantwortlich ist, das hat Friedrich Küppersbusch in sehenswerten sechs Minuten aufbereitet, wir haben in unserer Rubrik „Aus anderen Medien“ bereits darauf hingewiesen (Youtube, 9.6.22). Sabine Schiffer verweist darauf, dass die Ukraine ganz offen Propaganda (auch im Westen) mit Hilfe von US-Agenturen betreibt. Dem Freitag sagte sie diese Woche:

„Am 14. März hat sich das ukrainische Außenministerium in das sogenannte FARA-Register eingetragen. FARA steht für Foreign Agents Registration Act. Wenn aus dem Ausland PR eingekauft wird oder in den USA PR betrieben wird, muss ich mich da eintragen. Und das ist jetzt ganz offiziell. Die Mittel, die für entsprechende Kampagnen zur Verfügung stehen, sind beträchtlich. Und die Kampagnen im Ergebnis viel professioneller als die Propaganda der Russen.“ (Der Freitag, 12.6.22)

Und so ist es bei weitem nicht vorbei. Der Mainstream zitiert verschiedene Stimmen zu einer vermeintlichen strategischen Niederlage der Russen (Berliner Zeitung, 17.6.22), zur schwierigen Position der Ukrainer (n-tv, 14.6.22) oder zum zwangsläufigen Sieg der Russen (Focus, 16.6.22). Alles scheint offen. Nur nicht der Weg zu Verhandlungen, obwohl selbst Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg einen Verhandlungsfrieden erwartet – in welcher Form auch immer (Telepolis, 14.6.22). Und wir stehen am Rand und sehen weiter fassungslos zu, wie gebombt, wie der Krieg zum Frieden umgedeutet und wie gelogen wird. Und machen darauf in der Medienrundschau aufmerksam. Viel mehr können wir derzeit nicht tun. Das aber führen wir fort. Bleiben Sie uns gewogen, schauen Sie wieder rein, bilden Sie sich ihre eigene Meinung und schreiben Sie uns, wenn Sie möchten an redaktion@hintergrund.de.

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