Weltpolitik

Der neue Kandidat

Donald Trump als US-Präsidenten zu verhindern ist die Mission eines neuen Kandidaten. Dieser hat eine interessante Vita

Mit Evan McMullin ist Anfang der Woche buchstäblich in letzter Minute ein neuer Kandidat ins Rennen um das Weiße Haus eingestiegen. Bis vor wenigen Tagen war er „chief policy director“ der Republikaner im US-Repräsentantenhaus, also vergleichbar einem Mitarbeiter einer Parlamentsfraktion. Nun tritt er als unabhängiger Präsidentschaftskandidat an, sein Slogan lautet: „Es ist nie zu spät, das Richtige zu tun.“ Er könnte dem Kandidaten Donald Trump Stimmen und damit den Wahlsieg kosten – genau das ist offensichtlich seine Absicht, denn Aussicht auf einen Wahlerfolg kann sich McMullin nicht ausrechnen. Die Süddeutsche Zeitung nennt ihn den „aufrechten Konservativen, der Präsident Trump verhindern will“.

„Aufrecht“ ist ein interessanter Begriff für jemanden, der zehn Jahre, und damit über die Hälfte seines Berufslebens, „Geheimagent in feindlichem Umfeld“ war. Laut seines LinkedIn-Lebenslaufs war er von 1999 bis 2010, also elf Jahre für die Central Intelligence Agency CIA und für den National Clandestine Service tätig. Die Tätigkeit beschriebt er auf LinkedIn selbst wie folgt: „Geheimoperationen in Zusammenhang mit Terrorismus- und Aufstandsbekämpfung, Energie, politische Stabilität und Gegenaufklärung, meistens in feindlichem Umfeld.“

Welche „feindlichen“ Länder das gewesen sind, darüber gibt es keine Auskunft, es dürfte sich vor allem um den Nahen Osten handeln. Spesenabrechnungen des Repräsentantenhauses zeigen, dass er später, als Mitarbeiter des Kongresses, in den Jahren 2013 und 2014 die Türkei, Jordanien, Ägypten und den Irak besucht hat. Er spricht etwas Arabisch und laut Fachmagazin Foreign Policy traf er sich 2013 mit Führungspersonal der Freien Syrischen Armee, der vom Westen unterstützten Truppe im Krieg gegen Staatschef Baschar al-Assad, die damals bereits in Auflösung begriffen war.

Das Online-Magazin Tablet zitiert einen Mitarbeiter des Syrian American Council: „McMullin macht eine Menge guter Dinge für Syrien hinter den Kulissen im Kongress. Er ist einer der stärksten Unterstützer der syrischen Sache“ – wobei mit „syrischer Sache“ in diesem Fall der Sturz Assads gemeint ist.

Noch aufschlussreicher ist eine kurze („TEDx“-)Präsentation an der London Business School. In der Ansprache mit dem Titel „Warum Nie-wieder-Genozid-sagen nicht genug ist“ erklärt er, wie er als Student (offenbar um das Jahr 2000 herum) einmal in Damaskus war und einen Gewürzhändler fragte, was er von Staatschef Baschar al-Assad halte. Die Angst im Gesicht dieses Gewürzhändlers habe ihn so schockiert, dass er gemerkt habe, er müsse etwas tun. „Ich dachte, niemand soll so Angst vor seiner Regierung haben.“

Später, 2014, war er laut eigenen Aussagen entscheidend daran beteiligt, einem syrischen Fotografen die Flucht in die USA zu ermöglichen und ihm zu einer anonymen Zeugenaussage vor dem US-Kongress zu verhelfen. Das sollte dazu dienen, die amerikanische Öffentlichkeit für eine größere US-Intervention in Syrien zu überzeugen.

Das Bild fügt sich in etwa folgendermaßen zusammen: Evan McMullin, ein Mormone aus dem US-Bundesstaat Utah, der seinen für diese Religionsgruppe obligatorischen Missionarsdienst in Brasilien ableistete, ist als Geheimagent der CIA für den Antiterrorkampf im Nahen Osten eingesetzt gewesen. Dort hat er Kontakte zu den Gruppen aufgebaut, die gegen den syrischen Präsidenten Assad kämpften, vermutlich hat er für deren Unterstützung auch einiges getan. Der Sturz Assads war und ist auch für ihn offensichtlich eine persönliche Mission.

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