Weltpolitik

Spuren der Verwüstung

Im kurdischen Cizre hat sich das Leben der Menschen noch lange nicht normalisiert. Die Regierung Erdoğan lässt die vom türkischen Militär zerschossenen und zerbombten Häuser abreißen – um Beweise zu zerstören und die Stadt anschließend besser unter ihre Kontrolle bringen.

Noch immer ist die Situation der Menschen in der kurdischen Stadt Cizre gekennzeichnet durch Unsicherheit und das Fehlen jeglicher Perspektive. Sie versuchen, ihren Alltag an einen Ausnahmezustand anzupassen, der eigentlich vorüber sein sollte. Das türkische Militär hat seinen Einsatz als erfolgreich beendet erklärt – aber ein „Erfolg“ sieht anders aus: es sei denn, Zerstörung war von vornherein das Ziel.

"Terroristenjagd" im Stile Erdoğans: Weite Teile der Stadt Cizre sind zerstört. Nun schickt die Regierung Bulldozer, um die verbliebenen Ruinen abreißen. Foto: Sylvio Hoffmann
„Terroristenjagd“ im Stile Erdoğans: Weite Teile der Stadt Cizre sind zerstört. Nun schickt die Regierung Bulldozer, um die verbliebenen Ruinen abreißen. Foto: Sylvio Hoffmann

84 Tage Belagerungszustand und erbitterte Straßenkämpfe haben Häuser, Straßenzüge und Wohnanlagen in Trümmer gelegt, aber damit keinen Konflikt gelöst. Laut der Regierung in Ankara hat man Terroristen bekämpft und einen Abspaltungsversuch sowie einen Bürgerkrieg verhindert. Aber was heißt das für diejenigen, die in der angeblich befriedeten Stadt leben? Die Belagerung Cizres ist offiziell seit dem 2. März aufgehoben, aber die nächtliche Ausgangssperre gilt auch heute noch. Wenn man in der Dunkelheit an einem geöffneten Fenster eine Zigarette raucht, läuft man Gefahr, für einen „Terroristen” gehalten zu werden.

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Der zehnjährige Maslum geht nicht mehr zur Schule. Er sammelt Schrott in den Ruinen, um seine Familie zu unterstützen.

Jeder, den man in den fast komplett zerstörten Stadtteilen Sur, Cudi und Nur antrifft, hat eine Geschichte zu erzählen. Maslum zum Beispiel ist zehn Jahre alt. Wie seine Freunde geht auch er nicht zur Schule, denn er muss seine Familie unterstützen und sammelt deshalb in den Ruinen Schrott. Der 57-jährige Osman Mungan hat gesehen, wie das Militär auf Zivilisten schoss, die zu Beginn der Belagerung mit weißen Fahnen die Stadt verlassen wollten.

Es gibt viele Berichte von Gräueltaten des Militärs gegenüber Zivilisten. Bis heute konnten ca. 60 Leichen aufgrund von Entstellungen nicht genau identifiziert werden, und schon im April berichtete Russia Today von bis zu 150 Zivilisten, die in einem Keller lebendig verbrannt wurden. Das Gebäude, in dem dies geschah, steht heute nicht mehr, so wie viele andere, in denen Menschen vor den Artilleriegeschossen der Belagerer Zuflucht suchten.

Der 57-jährige Osman Mungan sah, wie das Militär auf Zivilisten schoss.
Der 57-jährige Osman Mungan sah, wie das Militär auf Zivilisten schoss.

Die Vereinten Nationen und andere Organisationen haben der türkischen Regierung Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Diese hat nun einer Untersuchung durch eine UN-Kommission zugestimmt, aber in der vergangen Woche enteignete sie die Besitzer von rund 4 000 Gebäuden und erklärte sie zu öffentlichem Eigentum.

Die ehemalige Bürgermeisterin Leyla Imret ist sicher, die Regierung will durch den Abriss der Ruinen Spuren vernichten.
Die ehemalige Bürgermeisterin Leyla Imret ist sicher, die Regierung will durch den Abriss der Ruinen Spuren vernichten.

Leyla Imret, die ehemalige Bürgermeisterin, berichtet, wie die Stadtverwaltung seit Jahren erfolglos Geld für die Sanierung von Straßenzügen und maroden Gebäuden beantragt hatte. „Nun, nach dem Ende der Belagerung, schickt die Regierung Bautrupps mit Bulldozern, um die Spuren der Verwüstung zu vernichten”, erzählt sie.

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Der Ladenbesitzer Mehmet Besir Tetik vermutet, die Regierung plant den Neuaufbau Cizres zu Propagandazwecken. Alle Fotos: Sylvio Hoffmann

Mit dem Wiederaufbau werden regierungsnahe Bauunternehmer beauftragt. Die Regierung will die Stadt unter ihre Kontrolle bringen, indem sie alte Strukturen bricht, um sie durch neue zu ersetzen. Von offizieller Seite aus begründet man das Vorgehen damit, dass Gebäude stark beschädigt und unbewohnbar seien. Dass aber dort während der Kriegshandlungen Menschen gelebt haben und es auch heute noch tun, scheint keine Rolle zu spielen.

Die Berichterstattung aus Cizre ist für Journalisten extrem schwierig. Checkpoints und die Allgegenwart der Sicherheitskräfte machen es zu einem lebensgefährlichen Unterfangen, sich durch die Straßen zu bewegen und das Geschehene zu dokumentieren. Es gibt dennoch Beweise für die Gewalt, die gegen Bewohner der Stadt angewandt wurde und wird, wenngleich die Regierung alles daran setzt, ihr Vorgehen zu vertuschen.

Mehmet Besir Tetik, ein 53-jähriger Ladenbesitzer, der während der gesamten Belagerung in der Stadt lebte, hält es deswegen nur für eine Frage der Zeit, bis die Zerstörung und das Leid in Vergessenheit gerät und das neu erbaute Cizre zu einem propagandistischen Symbol des großmütigen türkischen Staates wird. Um genau dies zu verhindern, hat die pro-kurdische HDP eine Foto-Dokumentation an die Abgeordneten des Europaparlaments und die parlamentarische Versammlung des Europarates gesandt.

Beide Seiten wollen also mit der Geschichte Cizres Zeichen setzen. Die türkische Regierung will demonstrieren, dass sie im Prinzip machen kann was sie will und dass sogar ein großflächiger Angriff auf die eigene Zivilbevölkerung keine Konsequenzen mit sich bringt. Militante kurdische Gruppierungen setzen derweil ihren Kampf in anderen Städten fort: die „Freiheitsfalken Kurdistans“ (TAK) verübten zuletzt Anschläge in Nusaybin und Istanbul, um der Regierung zu zeigen, dass sie noch lange nicht gewonnen hat.

Die Bewohner Cizres hingegen, angewiesen auf die Unterstützung von Menschenrechtsorganisationen und der HDP, können kurzfristig nur darauf hoffen, dass sich diejenigen bald verantworten müssen, die ihre Stadt zunächst angriffen und zerstört haben, um nun die verbliebenen Ruinen abreißen. Für eine langfristige Hoffnung bräuchte es eine substantielle politische Veränderung im Umgang mit der kurdischen Bevölkerung in der Türkei, auch auf internationaler Ebene.

Text: Andreas Schmidt, Fotos: Sylvio Hoffmann

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