Weltwirtschaft

„Natürliche Auslese“

Die USA als Trendsetter in der globalen Corona-Krise: Das Virus wirkt als Beschleuniger der Verrohung des Kapitalismus und als Wunderwaffe der Eliten im (ökonomischen) Ausscheidungsturnier.

Pressekonferenz zum Coronavirus im Weißen Haus

In der Rush Hour herrscht Geisterstunde am Times Square. „Die Stadt ist inzwischen wirklich völlig runtergefahren, nicht nur am Schlafen, sondern wirklich im Koma“, berichtete der prominente Designer und Big-Apple-Bewohner Thomas Hayo Anfang April für RTL. Aber der Mehrheit der Bevölkerung macht weitaus mehr der alarmierende Ausnahmezustand zu schaffen, über den die mit dem Corona-Lockdown zumindest in einigen Gegenden eingekehrte Ruhe hinwegtrügt. Covid-19 sei das „Pearl-Harbor-Element“ und „9-11-Moment“ der Gegenwart, mit dem Unterschied, dass man an keinem Ort der Vereinigten Staaten davor sicher sei, erklärte der operative Leiter der US-Gesundheitsdienste, Jerome Adams, Ende der ersten April-Woche.1 Allerdings erinnern nicht zuletzt die vielen hinter den Hospitälern geparkten Kühllaster, zu denen rund um die Uhr in weiße Plastiksäcke gehüllte Leichen mit Gabelstaplern transportiert werden, eindringlich daran, dass die Gesamtopferzahl der beiden großen Traumata der jüngeren US-amerikanischen Geschichte zumindest offiziell bereits wenige Wochen nach Beginn der Covid-19-Krise überboten worden war. Die Sorge jedoch, auch dem Herz des Weltkapitalismus drohe der Stillstand, erweist sich als unbegründet: Das New Yorker Bankenviertel ist zwar leergefegt, das Handelsparkett schon seit 23. März geschlossen, aber im Internet pulsiert es kräftig weiter: Unsere Märkte sind voll und ganz in der Lage, vollelektronisch zu arbeiten“, verkündete die Leiterin der Börse die frohe Botschaft des Finanzkapitals.

„Zur Wallstreet, die durch Kälte und Grausamkeit beeindruckt, hierher strömt das Geld aus allen Teilen der Erde, und mit ihm kommt der Tod“ – diese Zeilen, die der spanische Lyriker García Lorca nach der bisher folgenreichsten ökonomischen Katastrophe seit Beginn des Zeitalters des Kapitalismus, dem Börsenkrach 1929 in New York, notiert hatte, erhalten vor dem Hintergrund der gegenwärtigen globalen Pandemie nur scheinbar eine neue Bedeutung. Für die Lohnabhängigen ist Frank Sinatras emphatische Exklamation, New York sei „die Stadt, die niemals schläft“, ein bitterer Imperativ – sie zahlen wie eh und je den Preis. Ein Millionenheer muss weiter jeden Morgen mit der Subway oder dem Bus zu den großen Fabriken fahren, oft auf engsten Raum arbeiten und die Produktion aufrechterhalten – meist ohne Schutzmaßnahmen.

„Diese Krankheit tötet die Armen“

Verzweifelte Ärzte und Pflegepersonal versammelten sich auf der Straße, um gegen die oftmals unter dem Standard der Gesundheitsversorgung in den Entwicklungsländern liegende Mangelwirtschaft in den Krankenhäusern New Yorks zu demonstrieren. Die Lage sei „dystopisch“, klagte eine Krankenschwester an. Es fehle an allem: Reinigungsmitteln, Räumen, Personal. Und über die Menschen, die in Rekordzahlen sterben (während die internationalen Medien schon wieder die ersten ermunternden Neuigkeiten aus der Börse vermeldeten: „Wall Street erholt sich dank Zuversicht in Corona-Krise weiter“2): „Es sind nicht die Reichen – diese Krankheit tötet die Armen. Sie nennen es ,wahllos‘. Das ist es aber nicht. Die Armen sterben, weil sie ihr Haus verlassen und zur Arbeit gehen müssen.“3

Die Zahlen der Gesundheitsämter einiger US-Bundesstaaten bestätigen diese Behauptung. Besonders betroffen von der Pandemie ist die schwarze Bevölkerung, die seit jeher in der Unterschicht überproportional repräsentiert ist. Anfang April war die Covid-19-Sterberate der Afroamerikaner (20 Prozent) und Latinos (23 Prozent) in New York City doppelt so hoch wie die der Weißen (10 Prozent).4 Im Bundesstaat Michigan waren 40 Prozent der an dem Corona-Virus Verstorbenen Schwarze, obwohl Afroamerikaner dort gerade einmal einen Bevölkerungsanteil von 14 Prozent haben. In Milwaukee County in Wisconsin, wo sie 26 Prozent haben, waren rund 50 Prozent der gemeldeten Covid-19-Patienten und 81 Prozent der -Toten Schwarze. Gravierende Gründe sehen kritische Experten darin, dass überdurchschnittlich viele nichtweiße Berufsgruppen im Niedriglohnsektor angehören. Dort sind Krankenversicherungen für die Beschäftigten meist unerschwinglich, die Umweltbelastungen oftmals sehr hoch und der Gesundheitsschutz niedrig. Entsprechend haben viele mit Vorerkrankungen wie Asthma und anderen chronischen Lungenleiden zu kämpfen, unterliegen also dem Risiko eines lebensgefährlichen Verlaufs im Fall einer Corona-Ansteckung.5 Die meisten Bundesstaaten weigern sich, nach Ethnien aufgeschlüsselte Statistiken der Infektions- und Sterberaten zu veröffentlichen. Um hässliche Tatsachen zu verschleiern, meint Camara Jones, Epidemiologin und Gastwissenschaftlerin der Harvard Universität. Covid-19 entlarve die mangelnden Investitionen in die schwarzen Gemeinden, die Auswirkungen der Segregation in den Wohngebieten sei ein Indikator für einen nach wie vor grassierenden Rassismus und damit auch für die ungerechte Verteilung des Reichtums in der US-amerikanischen Gesellschaft.6

Run auf die Beatmungsgeräte – wie bei Ebay …

Offenbar auf Druck der Öffentlichkeit sah Trump sich im Wahljahr zu einem Eingriff zu Gunsten der Schwachen in die US-Wirtschaft genötigt, um sie zur Produktion notwendiger Güter für die Covid-19-Bekämpfung zu zwingen – also Schritte einzuleiten, zu denen er laut dem Defence Production Act, einem während des Koreakriegs eingeführten Kriegswirtschaftsgesetz befugt ist. Um zumindest einen Teil der dringend benötigten Hundertausenden von Beatmungsgeräten zu beschaffen, hatte er viel zu spät, erst Ende März, den Autobauer General Motors (GM) dazu verdonnert, 40.000 Stück herzustellen, die nun nicht vor Juni geliefert werden können. Solange konkurrieren 50 Bundesstaaten um die heiß begehrte Ware.

Dass die Misere nicht mit der Trump-Administration begann, sondern systemimmanent ist, macht allein dieses Beispiel deutlich: Trotz einer vertraglichen Vereinbarung mit der Regierung, die die ansteigende Pandemie-Gefahr mit der beschleunigten Globalisierung schon lange gekannt hat, war die Produktion kostengünstiger Beatmungsgeräte von dem großen medizintechnischen Unternehmen Covidien, das mittlerweile von Medtronic übernommen wurde, schon 2014 für unrentabel erklärt und einfach unterlassen worden. „Wir alle holen aus, um uns gegenseitig zu überbieten – es ist wie bei Ebay“, berichtete der Gouverneur von New York, Andrew Cuomo.7

„Es bringt keinen Profit, eine zukünftige Katastrophe zu verhindern“, beschrieb der linke Publizist Noam Chomsky die böse Ironie der marktradikalen Logik in einem Interview. „Wie Milton Friedman und andere neoliberale Koryphäen uns gelehrt haben, besteht die Aufgabe der Unternehmensmanager darin, die Gewinne zu maximieren. Jede Abweichung von dieser moralischen Verpflichtung würde die Grundlagen des ,zivilisierten Lebens‘ zerstören.“8

Wahnhafter Marktradikalismus

Dass diese kapitalistische „Zivilisation“ momentan mit beschleunigtem Tempo barbarische Zustände zeitigt, muss mit allen Mitteln vertuscht werden. „Bei uns gibt es die beste Gesundheitsfürsorge der ganzen Welt“, „Wir haben es total unter Kontrolle“, „Es verschwindet, sobald es warm wird“ – solche Aussagen gehören zu den nicht mehr zählbaren Lügen und Verharmlosungen, die Präsident Donald Trump seit Beginn der Corona-Krise beharrlich verbreitet. Intensive Unterstützung erhält er dabei von rechten Sendern wie Fox News. „Die Apokalypse steht bevor, Sie werden alle sterben – zumindest will der Medien-Mob Sie das glauben machen“, höhnte Moderator Sean Hannity, ein Freund von Trump. Die „extrem radikal sozialistische Partei der Demokraten“ und andere „Linke“ würden gezielt Angst verbreiten,9 sogar die „pathetische Propaganda Chinas“10, so die Theorie. Entsprechend sendet Fox News vorwiegend gute Nachrichten von steigenden Zahlen genesener Patienten und aus europäischen Ländern wie Österreich, die angekündigt haben, den Shutdown ihrer Ökonomie sehr bald zu lockern oder gar aufzuheben.

Der Grad des wahnhaften Marktradikalismus, vor allem der ihm entspringenden Inhumanität der hegemonialen rechten Kräfte in der US-amerikanischen Gesellschaft, lässt sich an der mit der Wirtschaftskrise 2008 einsetzenden und rapide wachsenden Konjunktur einer bizarren Ideologie messen, die zeitgleich mit dem Neoliberalismus entstanden war: die Lehren von Ayn Rand. Die Bestseller-Autorin und radikale Freihandelspredigerin (1905−1982) trat für einen »rationalen Egoismus« ein, der sich durch ein produktives Handeln nur zum eigenen Nutzen kennzeichnet und die Wahrung der Unversehrtheit, Freiheit und des Eigentums ermöglichen soll, die vom Staat garantiert werden müsse. Alles Soziale, jede Wohlfahrt zum Leben und Überleben lehnte Rand ab. Ronald Reagan, 1981 bis 1989 Präsident der USA und Alan Greenspan, bis 2006 Chef der US-Notenbank Federal Reserve System (Fed) zählten zu ihren engsten Freunden – bis heute gehören Wirtschaftstycoons und Spitzenpolitiker, etwa Trump und sein Außenminister Mike Pompeo, zu ihren glühendsten Bewunderern. „Ihre psychopathischen Ideen lassen Milliardäre sich wie Opfer fühlen und machten Millionen von Anhängern zu ihren Fußmatten“, erklärte ein Guardian-Kolumnist die Anziehungskraft von Ayn Rand für die Geld- und Machteliten.11

In der Gesellschaft im Schockzustand einer überall lauernden Corona-Gefahr soll jede Regung für ein Minimum an Sozialstaat mit Rands „Survival of the Fittest“-Doktrin erstickt werden. „Das Gesundheitswesen in einer wahrhaft freien Gesellschaft ist privat“, gab der Philosoph Gregory Salmieri von der Ayn Rand Society in einer Talkrunde zum Besten. Andernfalls zahle man unnötigerweise für eine „marginale Gruppe“ von Menschen mit, „die nicht für sich sorgen wollen oder können“ (Arme und Kranke, von denen laut einer in dem Medizinjournal The Lancet veröffentlichten Studie in den USA jährlich 68.000 sterben, weil sie sich die Krankenversicherung nicht leisten können12). Die Aufgabe des Staates während der Pandemie sei lediglich der Schutz des Privateigentums, so Salmieri weiter. „Wer Eigentum hat, dem können die Leute nicht zu nahe kommen und anhusten.“

Superreiche sicher und auf der Siegerstraße

Entsprechend bleiben die meisten Superreichen jetzt lieber zu Haus. Ein Teil der New Yorker High Society hat sich in die Hamptons zurückgezogen, eine Region am Ostende von Long Island, in der die Immobilienpreise zu den höchsten weltweit zählen.13 Während Obdachlose eine Parzelle unter freiem Himmel auf dem nackten Asphaltboden von Parkplätzen als „Schutzraum“ zugewiesen bekommen,14 richten sich immer mehr Milliardäre in ihren Luxusvillen eigene Intensivstationen ein, inklusive Ärzten und Pflegepersonal.15 Andere chartern Privatjets, um zu Ferienhäusern in fernen Ländern zu fliegen, wo Covid-19 (noch) nicht hingelangt ist. Wer ganz sicher gehen will, kauft sich bei Unternehmen wie der Vivos Group in Kalifornien, das unterirdische Schutzräume baut, einen Bunker16 – oder eine auf einem Felsen gelegene Burg mit Zugbrücke in Good Old Europe.17

Obwohl auch ein Teil der ökonomischen Eliten finanziell Federn lassen muss, wird die überwältigende Mehrheit auch im „Struggle for Life“ in der Covid-19-Krise weiter auf der Siegerstraße fahren. Nicht zuletzt durch den Coronavirus Aid, Relief and Economic Security Act, ein Ende März verabschiedetes Gesetz, das einen Hilfsfond für Unternehmer in Höhe von zwei Billionen Dollar vorsieht, rund zehn Prozent des gesamten Bruttoinlandsprodukts der USA. Die Verteilung erfolgt über die New York Fed, die die Auswahl der Empfänger vertrauensvoll in private Hände gegeben hat: an BlackRock, dem größten unabhängigen Vermögensverwalter weltweit, Anteilseigner von Apple, Google und anderen Konzern-Giganten, der nicht zuletzt wegen seiner aggressiven Lobbyaktivitäten in Verruf geraten ist. Um sicherzustellen, dass nicht offengelegt werden muss, wer die glücklichen Empfänger des staatlichen Geldregens sind, wurde für die Fed das Informationsfreiheitsgesetz außer Kraft gesetzt. „Unter dem Deckmantel eines Notstands im Gesundheitswesen werden räuberische Unternehmen aus diesem riesigen öffentlichen Trog bedient“, schreibt Marshall Auerback, Marktanalyst des Levy Institute for Economics am Bard College.18 Viele Millionen Menschen, die am Existenzminimum leben durch das ebenfalls im März in Kraft getretenen Families First Coronavirus Response Act gerade einmal ein Hilfspaket in Gesamthöhe von 104 Milliarden Dollar erhalten haben, hingegen werden dauerhaft in die Arbeitslosigkeit stürzen und Kleinunternehmer und Soloselbständige in den Ruin. Am 9. April legte die Fed noch gewaltig nach: Ein vorwiegend als Hilfspaket für kleine und mittelständische Unternehmen angekündigter Fonds von 2,3 Billionen Dollar beinhaltet auch den Kauf von Anleihen von großen Unternehmen mit Junk-Ratings und risikoreichen Schuldtiteln.19 20 Diese Anstrengungen gehen weit hinaus über die staatlichen Marktinterventionen zum Wohl des Großkapitals in der Finanzkrise von 2008,21 die dazu geführt hatten, dass das Nettovermögen der reichsten 20 Prozent in den USA um durchschnittlich 13 Prozent gestiegen war. „Die erbärmlichen Konzerne verstecken jetzt ihre Ayn-Rand-Bücher und strömen in Scharen mit dem Hut in der Hand zu dem Kindermädchen Staat und flehen um Rettung durch die öffentliche Hand, nachdem sie die fetten Jahre damit verbracht haben, enorme Gewinne anzuhäufen“, kommentierte Noam Chomsky.22

Viraler Virus – weltweit als Alibi

Die Corona-Krisen-Politik des ideellen Gesamtkapitalisten in dem Land, „dessen Geschichte nicht hinter die Warenproduktion zurückreicht“, wie Friedrich Engels die USA charakterisierte, ist wegweisend in Richtung Abgrund für die Armen und Blaupause für die Baupläne von riesigen Schutzschirmen für die Superreichen auf der ganzen Welt (die Top 500 sollen bisher insgesamt rund 1,3 Billionen Dollar, 21,6 Prozent ihres kollektiven Nettovermögens verloren haben23) – perspektivisch könnte sie eine noch wesentlich dreistere Umverteilung von unten nach oben ermöglichen als sie bisher durch die neoliberale Agenda exekutiert wurde.

Die Happy Few nehmen schon Witterung auf und schreien lieber einmal mehr als weniger „hier“: Der britische Milliardär Richard Branson hat 600 Millionen Dollar staatliche Kredite für seine Airline Virgin Atlantic (sie musste 80 Prozent ihrer Flüge streichen) beantragt24 und gleichzeitig seine 8.500 Beschäftigten aufgefordert, acht Wochen unbezahlten Urlaub zu nehmen.25 Auch in Deutschland langt das Kapital kräftig zu: BMW und Volkswagen rufen jetzt schon, mit Unterstützung aus der Politik, etwa dem bayrischen Ministerpräsidenten Markus Söder, nach staatlichen Programmen mit Investitionsprämieren und anderen Anreizen für den Autokauf, während sie sich mit Hunderten Millionen Euro Kurzarbeitergeld aus dem Corona-Hilfspaket der Regierung abpolstern lassen – obwohl sie milliardenschweren Industriellenclans gehören. Viele kleine Gewerbetreibende und Freiberufler hingegen müssen ihre privaten Rücklagen aufbrauchen, um sich notdürftig über Wasser zu halten.

Was auf die Lohnabhängigen der Branchen zukommen wird, die derzeit noch sicher sind, ließ beispielsweise die Liste der längst erfüllten Wünsche „temporärer Flexibilisierungen“ der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie mehr als nur erahnen: Die Einführungen des 12-Stunden-Tages, Sonn- und Feiertagsarbeit, die Verlängerung der Lenkzeiten von Lastwagenfahrern26 – Erosionen des Arbeitsrechts und Arbeitsschutzes, die später womöglich nur schwer wieder rückgängig gemacht werden können.

Der Naturschutz soll am besten ganz entsorgt werden: In den USA geht der Virus als Alibi für jede Verwerfung viral – die Umweltgesetze und -verordnungen wurden bereits am 26. März zur besonderen Freude der großen Energie- und Chemiekonzerne praktisch außer Kraft gesetzt27 –, warum nicht auch in Deutschland über alles? So denkt offenbar der Verband der Automobilindustrie

Leviathan und Behemoth

Es gibt weltweit keine Sphäre der kapitalistischen Gesellschaft, in der nicht die Gefahr einer Kernschmelze der unter großen Opfern von fortschrittlichen Bewegungen erkämpften sozialen Errungenschaften besteht – auch die emanzipatorischen, ebenso Grund- und Freiheitsrechte stehen auf dem Spiel, die die Ausgebeuteten und Unterdrückten in der gegenwärtigen Corona-Krise dringender denn je brauchen, um sich gegen die durch sie scheinbar legitimierten existenzbedrohenden Zumutungen zu wehren. Ausgangssperren, der Einsatz von Überwachungs-Technologie der Geheimdienste gegen die gesamte Bevölkerung, das Verbot von Demonstrationen und Streiks, die Abriegelung von Slums, die totale Isolation von Gefängnisinsassen und viele andere in der bürgerlichen Demokratie bisher nicht erlaubten, zumindest umstrittenen Maßnahmen geben Anlass, sich mit einer These des brasilianischen Investigativ-Journalisten Pepe Escobar auseinanderzusetzen: Mit der Covid-19-Pandemie wird ein Szenario eröffnet, in dem der mittlerweile unpopuläre „War on Terror“, als Rechtfertigungsideologie des westlichen Imperialismus, durch einen globalen „War on Virus“ abgelöst wird – nicht zuletzt, weil dieser wegen des bis in die hinterste Nische der Gesellschaft hinwirkenden Schreckens-Potenzials von Covid-19 eine enorm hohe Akzeptanz erfahren dürfte.28 Allein mit der Angst, das Leben zu verlieren, lasse sich eine Atomisierung der Menschen und eine Tyrannei des „monströsen Leviathans mit seinem gezückten Schwert“ errichten, meint der italienische Philosoph Giorgio Agamben, der seit den mit 9/11 begründeten Kriegen des Westens vor der Durchsetzung eines permanenten Ausnahmezustands warnt.29 30

Und was sich in Deutschland noch vorwiegend in der Dummbeutelei einiger Wohlstandsjugendlicher mit „Corona-Ekel-Attacken“ (das Anspucken und Anhusten alter Menschen) andeutet, nimmt in Texas mit dem Vorschlag des Vizegouverneurs, die Rentner zum Wohle der Wirtschaft zu opfern31 und in Ungarn mit der Hetze des Ministerpräsidenten gegen Flüchtlinge und andere Migranten als angebliche Träger „der Seuche“ Konturen an32 – das mit der Auflösung des Sozialen unweigerlich eintretende Bedürfnis nach „natürlicher Auslese“ alles Schwachen.

An der Peripherie des Imperiums könnte Corona bald Behemoth auf den Plan rufen und als biologische Waffe wirken: Brasiliens protofaschistische Regierung unterlässt nicht nur alles, was zum Schutz der letzten, akut durch den Virus von Auslöschung bedrohten mehr als hundert Gemeinschaften von Indigenen im nördlichen Amazonasgebiet (sie können keine Antikörper bilden), dringend nötig wäre. Illegale Goldgräber und Holzfäller, die sie anstecken könnten, werden sogar noch weiter ermutigt, tiefer in die Wälder vorzudringen.33 Im Herz der Finsternis des neoliberalen 21. Jahrhunderts könnte Corona als Katalysator für das Aufsprießen des massenmörderischen Prinzips des Mitte des 19. Jahrhundert begründeten Sozialdarwinismus wirken – »Kein Gedecke für den Armen beim großen Gastmahle der Natur« (damals wie heute die zweite Natur der kapitalistischen Produktionsweise und ihrer fortdauernden ursprünglichen Akkumulation) –, bevor es im grellen Licht der „zivilisierten“ Metropolen zur vollen Blüte gelangt.

 

1 https://eu.usatoday.com/story/news/politics/2020/04/05/surgeon-general-jerome-adams-coronavirus-rivals-pearl-harbor-9-11/2950230001/
2 https://www.focus.de/finanzen/boerse/wirtschaftsticker/aktien-new-york-wall-street-erholt-sich-dank-zuversicht-in-corona-krise-weiter_id_11860728.html
3 https://web.de/magazine/news/coronavirus/cuomo-new-york-hoehepunkt-metropole-erwaegt-graeber-park-34586850
4 https://www.spiegel.de/politik/ausland/coronavirus-in-den-usa-afroamerikaner-sind-haerter-betroffen-a-60bfea78-dc87-482d-8fb9-151a50a3ee20
5 https://www.reuters.com/article/us-health-coronavirus-usa-race/african-americans-more-likely-to-die-from-coronavirus-illness-early-data-shows-idUSKBN21O2B6
6 https://www.propublica.org/article/early-data-shows-african-americans-have-contracted-and-died-of-coronavirus-at-an-alarming-rate
7 https://www.youtube.com/watch?v=d5NOGAxLBfo
8 https://truthout.org/articles/chomsky-ventilator-shortage-exposes-the-cruelty-of-neoliberal-capitalism/
9 https://www.youtube.com/watch?v=DftLWzKEwrU
10 https://www.youtube.com/watch?v=XMX2pq_riYA
11 https://www.theguardian.com/commentisfree/2012/mar/05/new-right-ayn-rand-marx
12 https://www.commondreams.org/views/2020/04/08/coronavirus-and-medicare-all-our-crisis-comes-govt-putting-profit-over-public
13 https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-03-11/new-yorkers-flee-to-hamptons-hudson-valley-to-escape-virus
14 https://www.jungewelt.de/artikel/375857.zynische-rede-von-schutzraum.html
15 https://www.zdf.de/gesellschaft/markus-lanz/markus-lanz-vom-1-april-2020-100.html
16 https://time.com/5793806/wealthy-rich-people-coronavirus/
17 https://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.luxusmakler-im-interview-gefragt-in-coronazeiten-alleinlage-eigene-quelle-jagdrevier.0f6e67b2-8765-4815-906c-fb4f17e0019a.html
18 https://www.counterpunch.org/2020/03/30/washington-uses-the-pandemic-to-create-a-2-trillion-slush-fund-for-its-cronies/
19 https://www.federalreserve.gov/newsevents/pressreleases/files/monetary20200409a5.pdf?mod=article_inline
20 https://www.federalreserve.gov/newsevents/pressreleases/files/monetary20200409a5.pdf?mod=article_inline
21 https://www.nytimes.com/2020/04/09/business/economy/fed-economic-rescue-coronavirus.html
22 https://truthout.org/articles/chomsky-ventilator-shortage-exposes-the-cruelty-of-neoliberal-capitalism/
23 https://www.heise.de/tp/features/USA-Jeder-Zehnte-arbeitslos-4701374.html
24 https://www.n-tv.de/wirtschaft/Milliardaere-brauchen-Steuermilliarden-article21698745.html
25 https://www.forbes.com/sites/daviddawkins/2020/03/19/virgin-billionaire-branson-attacked-in-parliament-over-staff-pay-during-coronavirus-crisisbut-employees-remain-supportive/#58eb78d23b8f
26 https://www.ardmediathek.de/ard/player/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLTI0YmI2NTk1LWQxYTctNDU0OS1hNmM4LThlOTlkM2MwMTAzOQ/landwirtschaftsministerin-kloeckner-lebensmittelversorgung-ist-sicher
27 https://thehill.com/policy/energy-environment/489753-epa-suspends-enforcement-of-environmental-laws-amid-coronavirus
26 https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/auto-grenzwerte-2020-klimawandel-1.4865763
28 https://www.strategic-culture.org/news/2020/04/02/ground-control-planet-lockdown-only-test/
29 https://www.nzz.ch/feuilleton/giorgio-agamben-zur-coronakrise-wir-sollten-uns-weniger-sorgen-und-mehr-nachdenken-ld.1550672
30 https://www.bpb.de/internationales/weltweit/sicherheitspolitische-presseschau/195611/neue-zuercher-zeitung
31 https://www.spiegel.de/panorama/coronavirus-texanischer-gouverneur-fordert-grosseltern-auf-fuer-ihre-enkel-zu-sterben-a-5d7724af-e3d8-4ba0-a561-ecb8af0f402d
32 https://www.dw.com/de/coronavirus-in-orb%C3%A1ns-ungarn-soros-die-migranten-und-die-seuche/a-52804365
33 https://www.spiegel.de/politik/ausland/coronavirus-koennte-indigene-voelker-in-brasilien-ausloeschen-a-6169e4bb-9d5f-4a68-8631-965ef4c64632

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