Medienkritik

Nichts ist vorbei

(Redaktion/21.4.22) Die Idee ist gut: Ein Wochenende positive Nachrichten. Konstruktiver Journalismus. Gedanken darüber, wie es besser sein könnte. Einmal nicht von den Schrecken der Welt berichten, von den Brennpunkten, den Kriegen, den Protesten. Die Idee hatte die Redaktion des Online-Magazins Rubikon vor Ostern. „Das lebensfeindliche System, in dem wir — noch — leben, ist kein Naturgesetz, sondern es ist von Menschen gemacht und kann somit auch von Menschen verändert werden“, heißt es da (Rubikon, 16.4.22). Selbst wer die Inhalte der Beiträge nicht teilt, mag sie zum Anlass nehmen, sich über Alternativen Gedanken zu machen. Und es schadet auch nichts, sich angesichts der Weltlage einmal mit positiven Visionen zu beschäftigen. Vielleicht färbt dann mindestens etwas vom Positiven ab, was dort zukunftsgerichtet formuliert wurde. Nichts ist vorbei, den Kopf in den Sand stecken hilft niemanden.

Und positive Nachrichten brauchen wir schon als Kontrast zu den negativen. Zum Beispiel aus Italien. Dort ist auch nichts vorbei. Im Land mit den restriktivsten Corona-Maßnahmen in Europa (hierzu eine aktuelle Reportage auf Multipolar, 20.4.22) soll jetzt auch noch in einer Stadt das erste europäische Sozialkreditsystem eingeführt werden. Auf einer Pressekonferenz erläuterten die Verantwortlichen in Bologna ein Pilotprojekt, bei dem Punkte gesammelt werden können, wenn man sich im Sinne der Stadtverwaltung vorbildlich verhält: „Im Zentrum steht der tugendhafte Bürger, der zum Beispiel Müll gut trennt, keine Energie vergeudet, öffentliche Verkehrsmittel benutzt, keine Bußgelder bekommt oder sich für die Bologna Welcome Card engagiert. Zu diesen Menschen sagt die Stadt ‚wir geben Ihnen Punkte‘ als Teil einen Belohnungssystems mit individuell nutzbaren Prämien.“ Norbert Häring fasst zusammen: „Mich gruselt, wenn ein Beamter derart schambefreit sein partriarchalisches Menschenbild zur Schau stellt und dafür offenbar nicht einmal heftigen Gegenwind bekommt.“ (norberthaering.de, 20.4.22)

Uns gruselt das auch. Denn von China lernen, heißt vielleicht siegen lernen. Aber um welchen Preis? Und wer siegt? Wir halten es da mit Rudi Dutschke und Rosa Luxemburg. „Ohne Demokratie kein Sozialismus, ohne Sozialismus keine Demokratie. So wenig, wie Freiheit von Gleichheit zu trennen ist.“ (Spiegel, 6.6.1976) Dass der autoritäre chinesische Weg (wohin auch immer) mit Freiheit nichts zu tun hat (und nicht nur damit), zeigt sich gerade im Umgang mit Corona. Die No-Covid-Fraktion freut sich vielleicht, die meisten Menschen in Shanghai nicht (Freitag aus dem Guardian, 13.4.22).

Damit haben wir das Thema Corona erreicht. Da ist auch nicht viel vorbei. Und schon gar nicht aufgearbeitet. Manche machen einfach weiter. Zum Beispiel mit der„Killervariante“, die außer Karl Lauterbach kaum jemand drohen sieht. Besonnene Virologen sagen, dass sei unwissenschaftlich (welche Angstmache von Lauterbach ist dies nicht?) und auch nicht logisch (n-tv, 19.4.22). Die Grünen-Abgeordnete Tabea Rößner, die sich im Bundestag gegen die Impfpflicht ausgesprochen hat, hält „Killervariante“ für einen Kandidaten für das Unwort des Jahres (Spiegel, 19.4.22). Das mag sein. Karl Lauterbach ist seinerseits Kandidat für den Unminister des Jahres, wobei er einige Konkurrenz hat. Er schlägt sich wacker, mit der „Killervariante“ hat er sich aktuell wieder vor die Kriegshetzer Baerbock und Habeck geschoben. Es bleibt knapp. Und ist Ansichtssache.

Womit wir schon wieder beim Krieg in der Ukraine sind. Der leider auch nicht vorbei ist. Auf den Vergleich der Berichterstattung zum Syrienkrieg weist Karin Leukefeld hin (Nachdenkseiten, 19.4.22). Die hiesigen Journalisten kommen dabei grundsätzlich nicht gut weg: „Anstatt Unrecht, Heuchelei und Lüge aufzuzeigen und alle Seiten zu Wort kommen zu lassen, damit die Öffentlichkeit sich ein Bild machen und verstehen kann, begleiten Medien wie die Kriegstrommler und Trompeter früherer Heere politische Krisen und drängen zur Eskalation. ,Mediale hybride Kriegsführung‘ zielt auf den Kopf jedes Einzelnen.“ Das wundert uns wenig, die Lektüre der Zusammenstellung lohnt gleichwohl. Gerade um den eigenen Kopf frei zu halten und den Blick zu weiten, wie Karin Leukefeld vorschlägt. Da gehen wir mit.

Am Osterwochenende gerieten die Ostermärsche unter mediales Dauerfeuer an der Heimatfront (Hintergrund, 19.4.22). Das war in der Vergangenheit immer mal wieder so, ist also auch nicht vorbei. Es lohnt sich, einmal genauer auf die Geschichte der Friedensbewegung zu schauen. Das hat Gerhard Hanloser getan (Teil 1: Telepolis, 19.4.22, Teil 2: Telepolis, 20.4.22) und dabei interessante Einsichten zu Tage gefördert. Wer sich davon nicht kirre machen lässt und die Propaganda Propaganda sein lässt, der findet weitere interessante Einsichten in den Medien der Gegenöffentlichkeit. Und nicht nur dort. Selbst beim Spiegel gibt es Texte, die zum Nachdenken anregen wie der von Thomas Fischer über „Irrtum und Schuld“ (Spiegel, 16.4.22).

Fischer ist ein „alter weißer Mann“. Einer von denen, die in diesen Zeiten nicht gut gelitten sind. Vermutlich auch weil sie oft unabhängig sind und die Finger in die Wunden legen. So wie Klaus von Dohnanyi. Der ist nicht nur besonders alt (über 90) sondern schreibt auch noch über „Nationale Interessen“ in Zeiten globaler Umbrüche. Bei allen Differenzen mit einem rechten Sozialdemokraten, so wollen wir in diesen Zeiten die Gemeinsamkeiten herausstellen. Er sagt: „Ich bin persönlich überzeugt, dass man sich mit Putin hätte verständigen können, wenn man über das Thema Ukraine wirklich verhandelt hätte. Insbesondere, weil man sich ja im Westen längst klar darüber war, dass die Ukraine nicht in die Nato kommen sollte.“ Die beiden Teile eines aktuellen Interviews mit ihm lohnen der Lektüre (Teil 1: Telepolis, 17.4.22, Teil 2: Telepolis, 18.4.22, Teil 3: Telepolis, 20.4.22).

Ein weiterer alter weißer Mann ist der Ökonom Michael Hudson, dessen Texte immer einen Mehrwert haben (auch wenn man über seine Einschätzung Chinas als sozialistischer Staat streiten kann, siehe oben). Aktuell schreibt er über die Folgen des Krieges für die europäische Wirtschaft und die Weltwirtschaft generell. Fassen wir es knapp zusammen: Es sieht schlecht aus, „die Eurozone wird zu einer wirtschaftlichen Todeszone“ (Multipolar, 15.5.22). In Eurasien entstehe eine neue nicht-neoliberale Weltordnung, schreibt Hudson. Der russische Wirtschaftswissenschaftler und Putin-Berater Sergej Glasew sieht es ähnlich (tkp.at, 17.4.22). Er beschreibt im Interview mit Pepe Escobar, wie seiner Ansicht nach die künftige Wirtschaftsordnung aussehen könnte. In jedem Fall interessant!

Das sind auch immer die Beiträge von Mathias Bröckers. Er holt gerne weit aus, nutzt zuweilen fragwürdige Quellen (aber wer tut das nicht). Seine „Notizen vom Ende der unipolaren Welt“ sind mittlerweile bei Folge 17 angekommen (broeckers.com, 20.4.22). Sie sind immer wieder erhellend zu lesen. Gleichfalls erhellend ist das ausführliche Interview, das Susann Witt-Stahl dem Podcast 99 zu eins gegeben hat (Youtube, 19.4.22). Übrigens: Sie hat einen ausführlichen Text zur Lage in der Ukraine für Hintergrund in Arbeit. Wir sind schon gespannt.

Was fehlt? Manches lässt sich verschmerzen. Wie eine fehlende Susanne Hennig-Welsow an der Spitze der Linkspartei (Junge Welt, 21.4.22), wobei der Rücktritt der Co-Parteivorsitzenden nur Symptom für eine taumelnde Partei ist. Die würde aber – mangels Alternativen – derzeit doch zumindest ein wenig fehlen. Anderes nicht. Krieg beispielsweise. Und der Pessimismus. Mit Frieden können wir allerdings nicht dienen, gegen den Pessimismus verweisen wir alle unsere Leser, die bis zum Ende ausgehalten haben, wieder an den Anfang dieser Medienrundschau.

Die nächste Ausgabe kommt, wenn alles wie geplant läuft, in der nächsten Woche. Bleiben Sie uns bis dahin gewogen, schauen Sie wieder rein und empfehlen Sie uns weiter. Zu sagen bleibt am Ende: Bilden Sie sich Ihre eigene Meinung! Und senden Sie uns gerne Vorschläge für diese Rubrik an redaktion@hintergrund.de.

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