Ukraine-Krieg

Leitmedium mit neuer Richtung

Die Hintergrund-Medienrundschau vom 28. Mai 2022

(Redaktion/28.5.22) Die New York Times stellt Fragen. Mehr ist es nicht. Aber das ist viel. Die New York Times ist ein Leitmedium. Eines der Leitmedien des Westens überhaupt. Die Zeitung kritisiert mit diesen Fragen den Kriegskurs. Zunächst hatte das Editorial Board der New York Times vor gut einer Woche noch einmal versichert, dass die Freiheit der Ukraine und deren Unterstützung gegen Russlands Aggression im Mittelpunkt stehen. Im nächsten Absatz dann rücken die Journalisten dann ab. Fragend, wie gesagt, aber vernehmlich. (New York Times, 19.5.22)

Es sei nicht im amerikanischen Interesse, in einen vollständigen Krieg mit Russland zu stürzen, auch wenn ein Verhandlungsfrieden harte Entscheidungen für die Ukraine bedeuten würde, heißt es. Beteiligten sich die USA an einer Konfliktbeilegung oder gehe es darum Russland permanent zu schwächen und Putin zu stürzen? Wenn das Weiße Haus diese und weitere Fragen nicht kläre, riskiere es langfristig Frieden und die Sicherheit auf dem europäischen Kontinent. In diesem Ton geht es weiter, eine Zusammenfassung mit Teilübersetzungen gibt es zum Beispiel bei Krass & Konkret (Krass & Konkret, 22.5.22) oder den Nachdenkseiten (Nachdenkseiten, 23.5.22).

Die New York Times wird nicht nur bei den Alternativmedien gehört, die diese Fragen schon länger stellen. Auch der Deutschlandfunk zitiert ausführlich in seiner internationalen Presseschau: „Doch während der Krieg weitergeht, sollte Präsident Biden der Ukraine klarmachen, dass es eine Grenze gibt, wie weit die Vereinigten Staaten und die NATO gehen werden, um Russland zu konfrontieren. Und dass es Grenzen gibt für die Waffen, das Geld und die politische Unterstützung, die sie aufbringen können. Die Entscheidungen der ukrainischen Regierung müssen unbedingt auf einer realistischen Einschätzung ihrer Mittel und der Frage beruhen, wie viel Zerstörung die Ukraine noch verkraften kann.“ (Deutschlandfunk, 21.5.22)

„Leitmedien ordnen die Welt und liefern die Kategorien, mit denen wir die Welt beschreiben“, schreibt der Journalismus-Professor Michael Meyen. „Wenn wir Leitmedien nutzen, dann beobachten wir Definitionsmachtverhältnisse. Wer schafft es, seine Themen und seine Sicht der Dinge in diese Arenen zu bringen? Wer darf dort auf welcher Seite und wie lange legitim sprechen und wer darf das nicht?“ (Journalistik, 12/2020)

Gehen wir von dieser Definition aus, so müssen wir noch darauf hinweisen, dass hier das Medium selbst spricht (in Form seines Editorial Boards). Die New York Times bezieht deutlich Position. Was sollen die Medien tun, die sich – bewusst oder unbewusst – von einem Leitmedium leiten lassen, das seine Position wandelt? Eines der Leitmedien der westlichen Welt wirbt für schmerzhafte Verhandlungen und kritisiert die Hardliner, die nicht nur in den USA, sondern auch an anderen Orten deutlich den Siegfrieden und einen maximalen Schaden für Russland erreichen wollen. So fasst German Foreign Policy zusammen – und damit ein weiteres Alternativmedium (German Foreign Policy, 23.5.22).

Schaut man sich die Reaktionen im Mainstream an, so scheinen diese abzuwarten. Die Redaktionen zitieren die New York Times, wie oben bereits der Deutschlandfunk. Sie fassen nachrichtlich zusammen, wie das Portal Der Westen in seinem Newsticker, wo von der „wichtigsten Zeitung der USA“ und ihrer veränderten Position die Rede ist (Der Westen, 21.5.22). Noch schneller war die Berliner Zeitung, die hierzulande als erstes großes Medium den Artikel aufgenommen hat. Ihre Überschrift: „New York Times klingt plötzlich wie Sahra Wagenknecht“ (Berliner Zeitung, 20.5.22).

Am weitesten unter den Mainstream-Medien ist dann diese Woche wohl der Tagesspiegel gegangen. Hier hat das Leitmedium mit neuer Richtung einen Denkprozess ausgelöst. Oder zumindest dazu beigetragen. Der Artikel über mögliche Verhandlungen setzt eigene Akzente, nimmt den Ball auf und schaut zunächst in die Bundespolitik. Die beiden Autoren stellen fest, dass Kanzler Scholz offen gelassen hat, was er in seiner Regierungserklärung mit „Russland darf nicht gewinnen, die Ukraine muss bestehen“, gemeint hat. Sieg und Niederlage seien im Kanzleramt nicht definiert. Sie fassen dann den Artikel der New York Times noch einmal zusammen und zitieren Stimmen, die sich Gedanken über mögliche Verhandlungen und die Verhandlungspositionen der Partner machen. Zu Verhandlungen zu kommen sei schwer, heißt es da. Es brauche erst einen Verdun-Moment, wird der Osteuropa-Experte Andreas Heinemann-Grüder zitiert. Für einen Waffenstillstand bräuchte es dann eine Absicherung mit neutralen Truppen, die eine Pufferzone verwalten, Gefangenenaustausche organisieren und Kommunikationskanäle einrichten. Dafür komme, so Heinemann-Grüder, nur China in Frage (Tagesspiegel, 24.5.22, Bezahlschranke).

Übrigens: Nicht nur die New York Times verschiebt ihre Position. Auch Henry Kissinger, dessen Aussage beim Weltwirtschaftsforum in Davos ebenfalls an einigen Orten zitiert wird. Die Ukraine sollte laut Kissinger mit Verhandlungen beginnen, „bevor es zu Aufruhr und Spannungen kommt, die nicht leicht zu überwinden sind“, fasst die Welt zusammen (Welt, 24.5.22). Die Frage nach einer wie auch immer gearteten Lösung, einem Ende des Krieges steht also im Raum. Der Spiegel stellt sie mit Blick auf die Atommacht Russland und auf mögliche Zugeständnisse (Spiegel, 27.5.22, Bezahlschranke). Und in der Washington Post mahnt eine Kolumnistin, die Herausgeberin der linksliberalen Wochenzeitung „The Nation“, zu einer echten Debatte um die Ukraine. Und sie erinnert an Walter Lippmans Ausspruch: „Wenn alle gleich denken, denkt keiner mehr richtig.“ (Washington Post, 24.5.22, Übersetzung bei Telepolis, 26.5.22)

Die veränderte Position in einigen Leitmedien aber auch die von Kissinger wird in der Ukraine natürlich wahrgenommen. Man wolle sich an dieser Diskussion nicht beteiligen, sagte Präsidentenberater Mikhail Podolyak. Die Ukraine setze auf Sieg, es gebe keine Abtretungen von Gebieten, fasst Florian Rötzer zusammen und zitiert dabei auch aus der Entgegnung zweier ukrainischer Zeitungen gegenüber der New York Times: „In der ukrainischen Gesellschaft herrscht Konsens darüber, dass die Wiederherstellung der territorialen Integrität der Ukraine, einschließlich des Donbass und der Krim, die einzige Formel für den Sieg ist.“ Allein die Ukraine entscheide, was Sieg und Niederlage bedeutet (Krass & Konkret, 26.5.22).

Leitmedien wirken auch auf die Alternativmedien. Es kommt nicht von ungefähr, dass wir, die wir uns als eben ein solches Medium begreifen, den Text der New York Times so ausführlich aufgreifen. Denn auch wir sind von den „Definitionsmachtverhältnissen“ der Leitmedien abhängig. Wenn wir uns dagegen stellen, anderen Positionen einen Platz geben, machen wir dies in einem Raum, in dem andere die Richtung vorgeben. Wir versuchen gegen die vermeintlich vorgegebene Richtung zu arbeiten und achten sehr deutlich darauf, was die Leitmedien machen. Wenn sie sich wandeln, bekommen wir es mit. Allerdings hat die Recherche für diese Medienrundschau gezeigt, dass die Hauptlinie weiterhin eindeutig ist: uneingeschränkte Unterstützung der Ukraine. Wobei wir nicht den italienischen Friedensplan vergessen wollen, den die junge Welt in einem Artikel vorstellt, der auch einen Hinweis auf den Artikel der New York Times enthält (junge Welt, 24.5.22).

Der Krieg wird uns auch künftig weiter beschäftigen. Wie die Leitmedien sich positionieren, werden wir weiter beobachten. Und natürlich schauen wir in die Alternativmedien. Bis dahin stellen wir uns heute noch die Frage: Was fehlt? Unter anderem – um beim Thema Ukraine zu bleiben – die Reaktion der hiesigen Medien auf die Kapitulation des Asow-Regiments in Mariupol. Susann Witt-Stahl, die auch für Hintergrund schreibt, hat sie für die junge Welt zusammengefasst:. „Die Heroisierung der ukrainischen Nazikampftruppe dient der Verschleierung der Rücksichtslosigkeit ihrer Kriegführung und zahlreichen Gewaltverbrechen.“ (junge Welt, 27.5.22) Wir werden, gemeinsam mit anderen, weiterhin auf solcherlei Ungeheuerlichkeiten hinweisen. Bleiben Sie uns weiter gewogen, empfehlen Sie uns weiter und schreiben Sie uns gerne an redaktion@hintergrund.de.

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