Ukraine-Krieg

Weiterhin gefechtsbereit

Die Hintergrund-Medienrundschau vom 4.6.22

(Redaktion/4.6.22) Ein Tiefpunkt mehr in der deutschen Fernsehgeschichte. Dabei gab es davon schon genug. Markus Lanz und seine Gäste gegen eine. Gegen Ulrike Guérot. Oder: Der Mainstream gegen den Zweifel, das Nachfragen, die andere Meinung. Die Sendung von Markus Lanz am Donnerstag (ZDF, 2.6.22) dürfte in die Geschichte eingehen. Sie zeigt deutlich: Die deutschen Medien sind gefechtsbereit. Nicht dass wir das nicht schon vorher wussten. Aber es geht scheinbar immer noch schlimmer. An dieser Stelle enthalten wir uns jeglicher Prognose und schauen erst einmal zurück.

Paul Schreyer fasst den Abend wie folgt zusammen: „Deutlich wurde im Verlauf der Sendung die Unmöglichkeit, das Thema Ukraine-Krieg überhaupt noch grundsätzlich kontrovers zu diskutieren. Verloren gegangen scheint auch die Bereitschaft, dem andersdenkenden Gegenüber gute Absichten zu unterstellen. Es herrscht stattdessen die einengende, beklemmende Atmosphäre eines großen Misstrauens. Dazu kommt vielfach die Ersetzung von Logik durch moralische Empörung.“ (Multipolar, 3.6.22)

Die Toten, die Toten. Wo es Tote gibt, darf nicht nachgedacht und nach Ursachen gesucht werden. Dazu kommen infantile Vergleiche. Markus Klöckner weist in seinem Kommentar zur Lanz-Sendung für die Nachdenkseiten auf eine Aussage von Marie-Agnes Strack-Zimmermann hin, die den Krieg mit einem Überfall im Park verglich. „Die FDP-Politikerin, die als Verfechterin von Waffenlieferungen an die Ukraine bekannt ist, verglich allen Ernstes den Krieg in der Ukraine mit einem Überfallopfer in einem Park, das zur Polizei gehe und doch dort selbstverständlich auf Hilfe hoffen dürfe.“ (Nachdenkseiten, 3.6.22) Solcherart Vereinfachungen sind typisch für die Kriegsberichterstattung der vergangenen 100 Tage. Die gute Ukraine gegen die bösen Russen. Punkt.

Bei solch geballter Front wie am Donnerstag, werden auch im Mainstream einige nachdenklich. So wie die Autorin der Rheinischen Post bei ihrer Talkshowkritik. Eine eigenwillige Textgattung im Journalismus, den unser Schreibprogramm nicht kennt. Es schlägt „Kapitalismuskritik“ vor. Die läsen wir lieber. Bekommen wir aber nicht und wenden uns wieder der Rheinischen Post zu. Die Autorin zitiert zunächst Guérot, der, natürlich, in der Sendung eine Relativierung vorgeworfen wurde. Guérot: „Ich möchte überhaupt nichts rechtfertigen, ich möchte das Blickfeld öffnen.“ Dann schreibt die Talkshowkritikerin: „Nur mit einem Gesamtbild würde man zu einer Lösung kommen. Eine solche Analyse hätte spannend werden können, ist in der Sendung aber offenbar nicht vorgesehen.“ Sie tut schließlich das einzig richtige. Sie schaltet ab. (Rheinische Post, 3.6.22) Hat sie stattdessen vielleicht in den Alternativen Medien geschaut, wo Gesamtbilder durchaus zu finden sind? Wir wissen es nicht.

Abschalten konnte Ulrike Guérot nicht. Sie war im Studio, versuchte ihre Position zu vertreten. Sie hatte dabei die Aufgabe des Feigenblatts (und bedankte sich hinterher auf Twitter für die „lebendige, kontroverse Diskussion“, sie ist Profi). Noch einmal Paul Schreyer zum Prinzip einer solchen Talkshow: „Man lädt einen Menschen mit abweichender Meinung ein, fährt dann aber eine Breitseite von Gegnern auf, die diesem Gast kollektiv und unmissverständlich klar machen, dass und warum er sich irrt. Darin liegt auch eine Belehrung des Publikums: Schau, so kann es auch Dir ergehen, wenn Du eine andere Meinung öffentlich äußerst.“

Übrigens: Ulrike Guérot steht auch sonst unter Beobachtung. Zum Beispiel von den Studenten ihrer Bonner Universität. Sie wollen ihr den Mund verbieten. So kann man die Forderung wohl verstehen, sich nicht mehr so zum Ukraine-Krieg zu äußern, wie sie es schon vor einem Monat bei Bild-TV getan hat (Bonner General-Anzeiger, 3.6.22). Nein, nein, Cancel Culture gibt es nicht. Zensur auch nicht. Oder? Guérot: „Für Gespräche stehe ich immer zur Verfügung, aber dieser Versuch der Wortkontrolle ist inakzeptabel.“ Vielleicht war ihr Auftritt bei Lanz auch so etwas wie eine trotzige Reaktion.

Bleiben wir noch kurz bei den gefechtsbereiten Journalisten und Schriftstellern wie Ralf Bönt. Einst in den 1980er Jahren verweigerte er, nach eigener Aussage mit einer Lüge, den Dienst an der Waffe. Heute will er die, ja was denn sonst, Freiheit verteidigen: „Lieber läge ich bewaffnet hinter einem Sandsack und trüge zum Kampf um die Zukunft bei, gegen die Grausamkeit. Dass ich es könnte, weiß ich jetzt. Denn so kann man nicht weitermachen.“ (Freitag, 30.5.22) An der Seite der ukrainischen Nazis gegen die bösen Russen. Das ist für Bönt, den Autor eines „Manifests für den Mann“, die Erfüllung echter deutscher Männlichkeit. Oder?

Roberto J. De Lapuente nimmt Bönts Text mit der Aussage von Tote-Hosen-Sänger Campino zusammen, der auch nicht mehr verweigern würde. „Die Campinos und Bönts merken jetzt, dass sie doch gerne die Kunst des Tötens erlernt hätten. Dazu stilisieren sie jetzt den Pazifismus zu einer Art Deppenideologie, die nun keine Bedeutung mehr haben sollte, kein Antrieb mehr sein dürfe. Verhandeln und Diplomatie ist für diese Altberufenen natürlich gar keine politische Option mehr. Sie möchten lieber ein Gewehr schultern: So wie es sich für Diplomatieverweigerer gehört.“ (Neulandrebellen, 3.6.22) Diplomatieverweigerer. Die heutige Gegenwart in einem Wort. Der leichte Richtungswechsels der New York Times, von dem an dieser Stelle in der vergangenen Woche die Rede war (Hintergrund, 28.5.22), ist bei vielen Medien noch nicht angekommen.

Was aber wenn für den Mainstream das Undenkbare passiert? Wenn das passiert, was nicht passieren darf? Also die Ukraine verliert? Dabei hat sie, wie man sagen muss, längst verloren. Vielleicht noch nicht den Krieg, aber die Zukunft. Denn die Ukraine ist eben nicht viel mehr als eine Figur auf dem Schachbrett der einzigen Supermacht, die man lieber der Zerstörung überlässt als Sicherheitsgarantien zu geben, wie es Georg Rammer in der Zeitschrift Ossietzky zusammengefasst hat. Und weiter schreibt er: „Eine Verständigung erscheint in dieser hoch emotionalen Stimmung nicht mehr möglich, verlangt wird nach Sieg, Kapitulation und Strafe. Möglicherweise wird der überwältigende Siegeszug gegen den Aggressor zum Pyrrhussieg. Denn die neue Weltordnung ist voller Widersprüche und Spaltungen. Nicht die ganze Welt denkt so wie der ,freie Westen‘, zumal zahlreiche Länder zu den Opfern genau dieser ,Freiheit‘ gehören.“ (Ossietzky, Heft 11/22) Denn was unsere Politiker nicht wahrhaben wollen, ist Realität. Nicht die ganze Welt steht gegen Russland. Es ist nur der Westen. Unterdessen reist der Präsident der Afrikanischen Union nach Russland, um über Getreidelieferungen zu sprechen. (Africa-live, 4.6.22)

Der Umbruch des Weltsystems ist im Gange, analysiert auch Pepe Escobar mit Blick auf das Eurasische Wirtschaftsforum in der vergangenen Woche. (Eine Frage an die Leser: Wussten Sie, dass es stattgefunden hat?) Escobar verweist auf das Zögern Chinas angesichts der US-amerikanischen Sanktionsdrohungen, während die Achse Iran-Russland seit dem Januar gestärkt werde. Beide Partner haben eh nichts mehr zu verlieren… (Laufpass, 3.6.22) Der Blick über Europa hinaus erweitert den Horizont auf verschiedene Weise. Dass das nicht immer schön ist, beweist das lesenswerte Interview mit dem US-Ökonom Michael Hudson. Er analysiert schon länger den Abstieg des Dollar und vor allem des Euro und sieht – auf den ersten Blick erscheint es paradox – Russland neben China als Sieger der aktuellen Situation, „denn die amerikanischen Sanktionen haben Russland gezwungen, etwas zu tun, was es schon vor einem halben Jahrhundert hätte tun können: seine eigene Konsumgüterindustrie aufzubauen, seinen eigenen industriellen Aufschwung“. (Rubikon, 31.5.22)

Und damit ist unsere Medienrundschau für diese Woche auch schon fast wieder am Ende. Es ist dann doch wieder eine Rundschau zu Krieg und (leider kaum) Frieden geworden. Geplant war auch mal etwas anderes, denn es gibt viel mehr Themen, die einen genauen Blick wert sind. Und bei denen gerade der Mainstream und seine Narrative infrage gestellt gehören. Die Nachdenkseiten haben sich vor diesem Hintergrund ein neues Projekt vorgenommen, dem wir nur gutes Gelingen wünschen können: Der Faktencheck der Faktenchecker (Nachdenkseiten, 3.6.22). Das fehlt also künftig nicht mehr. Und so freuen wir uns auf die ersten Ausgaben in dieser Reihe, weisen demnächst vielleicht auch darauf hin, wenn wir wieder in die Medien schauen. Was fehlt? Für heute nur noch der Schluss unseres Textes: Bleiben Sie uns gewogen, schauen Sie wieder rein, bilden Sie sich ihre eigene Meinung und schreiben Sie uns, wenn Sie möchten an redaktion@hintergrund.de.

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