Weltpolitik

9/11-Anschläge: „Eine monströse Lüge“

Das Weiße Haus hat ein brisantes Dokument zu den Anschlägen des 11. September 2001 freigegeben

Das Rätselraten hat ein Ende: Das Weiße Haus hat nun nach fünfzehn Jahren den Bericht freigegeben, der sich mit den Verbindungen der mutmaßlichen 9/11-Attentäter zum saudischen Königshaus beschäftigt. Das 28-seitige Dossier wurde unter anderem vom FBI für den Kongressausschuss angefertigt, der nach dem 11. September 2001 damit beauftragt war, die Aktivitäten der US-amerikanischen Geheimdienste im Zusammenhang mit den Anschlägen zu untersuchen.

Doch der Bericht blieb unter Verschluss. Über seinen Inhalt durften die Mitglieder des Ausschusses, die ihn einsehen konnten, weder öffentlich reden, noch durften sie die daraus gewonnenen Erkenntnisse in dem Ende 2002 angefertigten Abschlussbericht der „Joint Inquiry“ des Kongresses einfließen lassen.

In den vergangenen Monaten wuchs der öffentliche Druck, den Bericht endlich freizugeben, der das Verhältnis der Vereinigten Staaten zu Saudi-Arabien belastet, und dessen Inhalt bereits zuvor teilweise durchgesickert war. Das Weiße Haus ist dem nun am vergangenen Freitag nachgekommen, Teile des Berichts sind allerdings nach wie vor geschwärzt.

„Erhebliche Unterstützung“

In dem Papier geht es vor allem um die Verbindungen von Nawaf al-Hamzi und Khalid al-Mihdhar zu saudischen Bediensteten. Die beiden Männer werden zu den Führungsköpfen der 9/11-Hijacker gezählt und sollen an der Entführung der Passagiermaschine beteiligt gewesen sein, die ins Pentagon krachte. Fünfzehn der neunzehn für die Anschläge verantwortlich gemachten Männer hatten die saudische Staatsbürgerschaft.

Als al-Hamzi und al-Mihdhar im Januar 2000 in die USA einreisten – ungehindert, obwohl die CIA sie zuvor bereits als al-Qaida-Mitglieder identifiziert hatte – wurden sie am Flughafen von Omar al-Bayoumi in Empfang genommen. Al-Bayoumi war bereits vor 9/11 vom FBI als saudischer Agent identifiziert worden. Anfangs nahm er seine beiden Landsmänner in seinem Appartement in San Diego auf, bevor er ihnen dort eine Wohnung verschaffte, die Kaution hinterlegte und die Miete bezahlte.

Ihr neues Domizil teilten sich die beiden Saudis mit einem FBI-Informanten mit dem Decknamen „Muppet“ – dessen Vernehmung durch die Ende 2002 eingesetzte „unabhängige“ 9/11-Untersuchungskommission wurde von der Bush-Regierung untersagt. Al-Bayoumi hatte offenbar „Zugang zu unbegrenzter Finanzierung aus Saudi-Arabien“, heißt es im Abschlussbericht des US-Kongresses. Beispielsweise stellte er vierhunderttausend US-Dollar für den Kauf einer Moschee in San Diego zur Verfügung. „Al-Bayoumi kam hier her, baute alles finanziell auf, die al-Qaida-Zelle in San Diego und die Moschee“, berichtete ein FBI-Ermittler bereits im Oktober 2001 gegenüber US-Medien.

Im nun freigegebenen Bericht ist von einer „erheblichen Unterstützung“ der beiden mutmaßlichen 9/11-Attentäter durch al-Bayoumi die Rede. Den Wohnort für die Neuankömmlinge hatte der saudische Agent offenbar bewusst ausgesucht. Denn gleich gegenüber lebte Osama Bassnan, der in dem Kongressbericht als „Unterstützer Bin Ladens“ bezeichnet wird, der Verbindungen zu den Hijackern unterhalten habe. Der Bericht bezeichnet Bassnan darüber hinaus als „engen Gefährten“ al-Bayoumis.

Wie aus dem nun freigegebenen Dokument hervorgeht, erhielten die beiden Männer Gelder vom saudischen US-Botschafter, Prinz Bandar bin Sultan – vermittelt über deren Ehefrauen. So erhielt das Ehepaar Bassnan zwischen Februar 1999 und Mai 2002 insgesamt 74 000 US-Dollar – die Schecks wurden von Prinz Bandars Ehefrau Haifa ausgestellt. Eine Transaktion in Höhe von 15 000 US-Dollar floss direkt vom Konto des Prinzen. Offiziell erhielt Bassnans Ehefrau die Gelder für „Pflegedienste“ – doch das FBI konnte „keine Beweise“ dafür finden, dass sie solche Dienste anbot, wie aus dem Dokument hervorgeht.

Laut diesem habe es darüber hinaus „vielfältige“ Verbindungen des al-Qaida-Unterstützers Bassnan zur saudischen Regierung gegeben. Seine Unterstützung für al-Hamzi und al-Mihdhar sei möglicherweise noch größer gewesen, als die al-Bayoumis. Die Beweise dafür seien aber nicht genauso „solide“ wie im Fall des Agenten, so das nicht mehr geheime Dokument.

Was die über den saudischen Botschafter abgewickelte Finanzierung der Hintermänner der mutmaßlichen 9/11-Terroristen besonders pikant macht, ist die enge Verbindung Bandars zum Weißen Haus. Der Prinz galt als enger Freund der Familie des damaligen Präsidenten. Das Verhältnis war so innig, dass George W. Bush ihm den Spitznamen „Bandar Bush“ verlieh. Er war „praktisch selbst Regierungsmitglied“, heißt es bei Wikipedia über den Prinzen. „Er besuchte unangemeldet das Weiße Haus und galt als der einzige in Washington angesiedelte Botschafter, der Personenschutz durch das Auswärtige Amt erhielt.“

Darüber hinaus enthält der Bericht eine Fülle weiterer Indizien für eine Kooperation saudischer Bediensteter mit al-Qaida und den mutmaßlichen 9/11-Terroristen, beispielweise ist von einer möglichen Verbindung al-Hamzis und al-Mihdhars zum saudischen Diplomaten Shaykh al-Thumairy die Rede. Einen definitiven Beweis, dass etwa die Gelder zwecks Vorbereitung der 9/11-Anschläge flossen, enthält der Bericht allerdings nicht – dieser dürfte ohne ein Eingeständnis der Beteiligten auch nur schwer zu erbringen sein.

9/11-Hinterbliebene: „Das ist ein Verbrechen“

Angesichts dessen tritt das Weiße Haus nun die Flucht nach vorne an: Die Informationen des Berichts „ändern nichts an der Einschätzung der US-Regierung, dass es keine Beweise gibt, dass die saudische Regierung oder hochrangige saudische Individuen al-Qaida finanziert haben“, erklärte der Sprecher des Weißen Hauses, Josh Earnest, am Wochenende. Die Veröffentlichung des Berichts zeige, wie sehr sich die Administration der Transparenz verpflichtet fühle.

„Ich hoffe, die Freigabe dieser Seiten (…) wird der Spekulation ein Ende bereiten, dass darin Beweise für eine Verwicklung saudischer Regierungsmitarbeiter in die 9/11-Anschläge zu finden sind“, äußerte sich Adam Schiff, Mitglied des Geheimdienstkomitees des Repräsentantenhauses. Die 9/11-Untersuchungskommission sei den Fragen, die der Bericht aufwerfe, nachgegangen, und habe dabei zu keinem Zeitpunkt „ausreichende Beweise“ gefunden, die den Verdacht einer saudischen Mithilfe untermauern würden, so Schiff.

Ähnlich äußerte sich auch der saudische US-Botschafter Abdullah al-Saud: „Wir hoffen, dass die Veröffentlichung des Papiers ein für alle Mal alle fortbestehenden Fragen oder Verdächtigungen bezüglich der Aktivitäten und Intentionen Saudi-Arabiens aufklärt.“ Das Königreich arbeite „eng mit den Vereinigten Staaten und anderen Verbündeten zusammen, um Terrorismus auszumerzen und terroristische Organisationen zu zerstören“, so der Botschafter. Der Bericht zeichnet ein anderes Bild. In einem eigenen Kapitel wird darin die „mangelnde Kooperation“ der Saudis „vor und nach“ dem 11. September moniert.

Kristen Breitweiser, deren Ehemann bei den Anschlägen ums Leben kam, will die US-Regierung nicht so einfach davonkommen lassen. Wenn deren Vertreter behaupten, der Bericht enthalte keine „eindeutigen Beweise“ („smoking gun“), „dann lügen sie“, schreibt sie in einem am Samstag veröffentlichten Artikel in der Huffington Post.

Mitglieder der 9/11-Untersuchungskommission hätten selbst eingestanden, dass sie nicht in der Lage waren, die Rolle der Saudis vollständig untersuchen zu können. Der Direktor der Kommission, Philip Zelikow, „blockierte jede Untersuchung der Saudis“, so Breitweiser. „Zelikow ging sogar so weit, den Ermittler der Joint Inquiry zu feuern, der mit ins Boot geholt wurde, um speziell den Hinweisen zu den Saudis nachzugehen, die die Joint Inquiry aufgedeckt hatte.“

Der eng mit dem Weißen Haus verbandelte Zelikow, der die „National Security Strategy 2002“ ausgearbeitet hatte und darin die Strategie des Präventivschlags kreierte, hatte unverzüglich nach seinem Antritt als Leiter der 9/11-Untersuchungskommission im Januar 2003 bereits den Entwurf des im Juli 2004 erschienenen abschließenden Berichts der Kommission ausgearbeitet – einschließlich aller Kapitel, Unterkapitel und Unter-Unter-Kapitel.

Zelikow übergab seine Arbeit den Vorsitzenden der Kommission, Thomas Kean und Lee Hamilton. Aus Sorge, der Entwurf könnte als Beweis betrachtet werden, dass das Ergebnis der Untersuchung damit vorweggenommen wurde,  entschlossen sie sich, diesen vor den anderen Mitgliedern der Kommission geheim zu halten.

„Zudem hat Zelikow den gesamten Abschnitt der Kommissionsberichtes neu verfasst, der sich mit den Verbindungen der Saudis zu den 9/11-Anschlägen beschäftigte“, schreibt Breitweiser. Das Fazit der Witwe fällt für das Weiße Haus vernichtend aus: „Das saudische Königreich hat den 9/11-Attentätern operative und finanzielle Unterstützung gewährt. Das ist eine Tatsache. Und die US-Regierung hat diese Tatsache fünfzehn Jahre lang vertuscht – bis zum heutigen Tag. Und das ist ein Verbrechen.“

„Eine monströse Lüge“

Verschiedene Medien teilen ebenfalls nicht die Ansicht Washingtons, dass sich mit der Veröffentlichung des 28-seitigen Berichts die Frage der saudischen Verwicklung in die Anschläge erledigt habe. Denn dieser „deutet auf ein viel größeres Netz von Verbindungen zwischen al-Qaida und der saudischen Königsfamilie hin, als bislang bekannt war“, so der britische Guardian.

Der Bericht werde dem Verdacht Nahrung geben, dass US-Regierungsbeamte, „entschlossen, die diplomatischen und finanziellen Verbindungen Washingtons zu Saudi-Arabien aufrecht zu erhalten, Beweise zu unterdrücken versuchten, die eine Verwicklung der Saudis nahe legen“.

Deutlich härter fällt das Urteil der New York Post aus. Unter der Überschrift „Ja, die saudische Regierung half den 9/11-Terroristen“, heißt es in einem am Wochenende veröffentlichten Artikel: „Jetzt wissen wir, warum die 28 Seiten für fünfzehn Jahre hinter Schloss und Riegel verschwanden: Sie zeigen, dass die Attentäter in den USA von saudischen Diplomaten und Agenten im Vorfeld der Anschläge Hilfe erhielten.“ Das bedeute, dass den 9/11-Opfern und ihren Familien fünfzehn Jahr lang „von ihrer eigenen Regierung Zugang zu Beweisen verweigert wurde“, mittels derer sie die saudische Regierung hätten verklagen können.

Washington habe die Bevölkerung hinters Licht geführt, so die US-Zeitung. „Fünfzehn Jahre lang wurde uns erklärt, dass al-Qaida alleine handelte, ohne staatliche Unterstützung. Uns wurde Glauben gemacht, dass fünfzehn Saudis, die kaum Englisch sprachen, keine Hilfe erhielten, als sie in den USA waren; dass sie isoliert operierten, wie Besucher aus dem All. Es war alles eine monströse Lüge.“

Er hoffe, dass mit der Freigabe des Berichts der „Korken aus der Flasche“ genommen wurde, nahm Bob Graham Stellung. Der Ex-Senator leitete von 2001 bis 2003 den Geheimdienstausschuss des Senats. Wiederholt hatte er in den vergangenen Jahren auf die Veröffentlichung gedrängt, und in diesem Zusammenhang von „unwiderlegbaren Beweisen“ für eine „substanzielle“ Unterstützung der 9/11-Terroristen durch saudische Stellen gesprochen.

Es sei Zeit für eine „Neubewertung unserer Beziehungen zu den Saudis“, befindet John Lehman, ehemaliges Mitglied der 9/11-Untersuchungskommission. Ihm zufolge hätten sowohl die Bush- als auch die Obama-Administration dabei versagt, die saudische Regierung dahingehend unter Druck zu setzen, ihre Unterstützung für „fanatische, gewalttätige“ Vertreter des Wahhabismus einzustellen. „Das wird eine Angelegenheit für den nächsten Präsidenten“.

Lehmans Hoffnung auf eine Veränderung des Verhältnisses zu Saudi-Arabien dürfte enttäuscht werden, sollte Hillary Clinton ins Weiße Haus einziehen. Denn die Demokratin unterhält enge Beziehungen zum saudischen Königshaus, das zu den wichtigsten Spendern der Clinton-Stiftung gehört, die Hillary gemeinsam mit ihrem Ehemann Bill betreibt.

 

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